Sehnsucht Lago – Folge 3
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Der Tag davor
Der Rasen schimmerte im wolkengedämpften Vormittagslicht. Laute Kommandos, Rufe, schnelle Ballwechsel auf dem Hauptfeld. Jan erkannte Drechslers Stimme, spitz und treibend. Ein acht-gegen-acht-Spiel, volles Tempo. Mannschaftstraining.
Ein Stück abseits, am Rand des Nebenfelds, stellte Markus Stein die Markierungshütchen zurecht. Kein großes Gerede. Wie immer. Nur ein kurzes Nicken.
Jan zog das enge schwarze Oberteil über. Es legte sich wie eine zweite Haut um seinen Oberkörper. Der Brustgurt schmiegte sich fest unterhalb der Rippen an, kaum spürbar. Doch der gleichmäßige Druck erinnerte ihn bei jeder Bewegung daran, dass nichts unbemerkt bleiben würde. Jeder Schritt, jede Beschleunigung, jede Verzögerung wurde aufgezeichnet. Es war sein letzter Test, bevor er für die Mannschaft freigeben würde – oder auch nicht.
„Drei Stationen, wie besprochen“, sagte Stein. „Passen, Richtungswechsel, Dribbling. Fokus auf Kniekontrolle. Messung läuft.“
Sie begannen mit flachen Pässen auf engem Raum. Stein spielte hart und exakt zu. Jan nahm an, legte sich den Ball aus der fließenden Bewegung vor, passte zurück. Immer wieder. Rechts, links. Die Fußspitze hatte manchmal noch diesen Tick Unsicherheit, kaum merklich.
„Kürzer am Boden, sauber durchziehen“, murmelte Stein. Er hatte eine dieser sachlichen Stimmen, die nicht laut werden mussten, um zu wirken.
Dann der Wechsel: Jan lief um die Hütchen, der Ball klebte ihm am Fuß, Richtungswechsel links, dann rechts. Ein leichtes Rutschen – er fing sich wieder. Das Knie hielt. Keine Schmerzen, keine Reaktion. Aber sein Atem ging schneller.
Stein blickte auf das Tablet.
„Alles im grünen Bereich. Wie fühlst du dich?“
„Stabil. Besser als das letzte Mal. Aber noch nicht ganz locker“, sagte er nüchtern.
Ein Lächeln huschte über Steins Gesicht.
„Locker kommt im Spiel. Jetzt noch drei Wiederholungen. Dann runterfahren.“
Im Augenwinkel sah Jan, wie die Mannschaft am Mittelkreis stand. Trinkpause. Einige drehten sich kurz zu ihm. Niemand winkte. Niemand rief. Noch nicht.
Und dann doch einer. Marco – ausgestreckte Arme, erhobene Daumen, breites Grinsen. Er grinste zurück.
Durchatmen und wieder antreten. Diesmal etwas schneller, mit mehr Zug. Der Ball blieb nah, die Drehung war flüssig. Der Körper wusste, wie es geht. Automatisch.
Nach den Übungen stellte sich Jan ans Hauptfeld, die Trainingsjacke über dem klammen Rücken. Die Mannschaft formierte sich neu, ein Befehl hallte über den Platz. Dann wieder das dumpfe Klopfen der Stollen, das Abrufen des Eingeübten, diese ewige Maschinerie.
Plötzlich kreiste die Umgebung. Sein Blick fand keinen Halt. Wie nach einer schnellen Karussellfahrt. Einfach die Füße fest in den Boden drücken. Nicht wanken. Er schloss die Augen. Es drehte weiter. Aus dem Dunkel stieg Übelkeit hoch. Er riss die Augen wieder auf. Atmete dagegen. Konzentrier dich, reiß dich zusammen! Er würde es in den Griff bekommen.
Einmal mehr.
Stein sammelte die Hütchen ein. Die Spieler rannten unbeirrt weiter. Keiner hatte etwas mitbekommen. Er sah, wie sie powerten, sich anfeuerten, klatschten. Früher hätte es ihn in den Füßen gejuckt, reinzuspringen und mitzumachen. Doch dieses Gefühl blieb aus. Er dachte an das, was kommen würde: die Blicke, die Vergleiche, das mediale Getöse.
Schaffte er das noch? Morgen, übermorgen? Oder würde es ihm ergehen wie Pavel Vacek, der seit seiner Verletzung keine Minute Spielzeit mehr bekam und die Saison auf der Bank absaß? Kaum einer fragte noch nach ihm. Keine Interviews, kein Interesse. Wer den Erwartungen nicht entsprach, war draußen. Und dort standen schon andere junge Männer bereit – topfit, ehrgeizig, vielversprechend. Mehr als genug.
Er schüttelte sich.
Stein tippte ein paarmal auf das Tablet und schaltete es ab. Zusammen verließen sie langsam das Feld. Der Schweiß trocknete Jan auf der Stirn.
„Sehr solide heute“, sagte Stein. „Passschärfe, Fußarbeit, Richtungswechsel – alles top. Keine Instabilität, keine Schonbewegung. Ich geb dich frei.“
Er sagte es, wie man das eben sagt. Kein großes Ritual, kein Schulterklopfen, obwohl sie eine Menge Zeit zusammen verbracht hatten.
Jan nickte, mehr aus Gewohnheit als aus Zustimmung.
„Du bist bereit, Jan. Jetzt liegt’s am Trainer.“
Stein blieb stehen und lächelte schmal.
„Warst ein guter Patient. Zugänglich, verlässlich. Das macht’s leicht.“
Sie standen vor dem Kabinengang. Auf dem Feld schrien sich zwei Spieler an, das Trainingsspiel war in vollem Gange.
„Also“, sagte Markus Stein und streckte ihm die Hand entgegen. „Willkommen zurück.“
Jan schlug ein, blickte ihn an, dann über den Platz. Er hätte etwas sagen sollen. Etwas Ehrliches. Was ihm einfiel, war nur: „Danke, für alles.“
Und selbst das klang falsch.
Jan spürte weder Stolz noch Vorfreude, nur den flauen Nachhall des Schwindels. Formal war er wiederhergestellt. Aber nichts in ihm drängte nach der Rückkehr.
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