Sehnsucht Lago – Folge 1
Jan Riedel ist Profifußballer. Tausende jubeln ihm zu, Millionen kennen seinen Namen. Doch plötzlich verschwindet er spurlos.

Anfang April
Er ließ sein Handy los, es taumelte durch die Luft, tauchte mit einem Spritzer ins Wasser ein und war verschwunden. Aus dem Geldbeutel zog er die Bank- und Kreditkarten, knickte sie hin und her, bis sie brachen, und streute die Plättchen wie Fischfutter in den Fluss.
Er griff nach der Tasche und zog die Cap tiefer ins Gesicht. Keiner nahm Notiz von ihm. Der morgendliche Pendlerverkehr auf der Brücke strömte unbeirrt weiter wie unten der Fluss. Alles ging seinen normalen Gang.
Außer ihm.
Dienstag Vormittag
Martin Hillmann stand am Fenster seines Büros und sah hinunter auf die Passanten, die sich klein wie Spielzeugfiguren ausnahmen. Sie tippelten dahin und wussten nichts von Entscheidungen, Risiken und Millionen, die auf dem Spiel standen. Hier oben gab es keine Geräusche und Ablenkungen, nur Geschäft.
Er hatte sich selbst beim Einzeltraining überzeugt. Jan war auf dem besten Weg. Frisch, bissig, einzigartig. Da war kein Hauch mehr von Rückstand oder Schwäche. Jan würde es schaffen. Wie immer. Hillmann konnte es spüren in jeder Faser seines Körpers. Andere nannten es Intuition, für ihn war es eine Art Rausch. Jans Comeback bedeutete mehr, viel mehr als zu zeigen, „Ich bin wieder da“. Es war die Empfehlungskarte für die nächste Stufe. Noch größer. Noch elitärer. Egal wie der Club abschnitt, Jan würde der Welt beweisen, dass er soweit war. Für den Schritt nach ganz oben. Dort, wo es keine Limits mehr gab.
Er wählte auf dem Tischtelefon die spanische Nummer, stellte auf Lautsprecher. Es dauerte länger als gewöhnlich, bis Javier abhob.
„Días!“, sagte dieser nur zur Begrüßung, ziemlich locker, als stünde kein sechzig-Millionen-Transfer im Raum.
Hillmann wartete kurz.
„Jan Riedel wird am Wochenende spielen.“
Javier räusperte sich. „Wir beobachten. Wie alle. Viele haben die Augen auf ihm.“
Hillmann ging zum Sessel, ließ sich hineinsinken. „Wenn er liefert, geht es schnell, sehr schnell. Nicht wahr?“
„Zugegeben, die erste Saisonhälfte beim Club war großartig. Aber jetzt, nach seiner schweren Verletzung … was denken Sie?“ fragte Javier.
Es klang für Hillmann nicht misstrauisch, nur nach nüchternem Kalkül. Er blickte auf seine Finger. Sie hatten sich in die Handfläche gekrallt.
„Er ist bereit. So bereit wie nie.“
„Und mental?“
„Er weiß, dass alles an seiner Leistung hängt. Auch seine Zukunft. Und auch wie Sie sich entscheiden.“ Er legte eine Pause ein. „Er passt bestens zu Ihnen, das wissen Sie.“
„Er ist ein äußerst begabter Spieler. Warten wir ab, was er zeigen wird. Wenn er uns überzeugen kann, Señor Hillmann, dann holen wir ihn schnell.“
Ein Klacken in der Leitung, das Gespräch war beendet. Hillmann schaltete das Telefon aus und lehnte sich zurück. Ein wunderbarer Tag. Er strich mit der Hand über das matte Leder des Bürosessels. Es roch neu und teuer. Er schraubte den Deckel vom Füllfederhalter und setzte einen weiteren Haken auf seiner Liste. Noch zwei Telefonate nach England.
Das Handyklingeln unterbrach ihn.
„Martin Hillmann, Guten Morgen.“
„Scheiß auf deinen guten Morgen! Wo ist Riedel?“, brüllte Dietmar Schulz, der Manager des Clubs.
„Beim Training, denke ich.“
„Würde ich dann bei dir anrufen? Drechsler hat mich informiert, dass Riedel nicht erschienen ist. Heute sollte er endlich wieder mit der Mannschaft trainieren.“
„So war der Plan.“
„Was soll das?“, schrie Schulz.
Hillmann zog die Füße über den dicken Teppich heran und blieb bei seiner förmlichen Freundlichkeit.
„Erst gestern sagte mir Jan, alles wäre bestens und am Samstag könnte er wieder spielen.“
„Verdammt, Martin“, polterte Schulz weiter. „Er ist nicht hier! Außerdem warten eine Menge Fans und Medienleute draußen am Platz auf ihn. Was ist los? Du bist sein Spielerberater!“
Hillmann ärgerte es, wie Schulz das Wort Spielerberater benutzte – korrekt, ja, aber herablassend, fast wie ein Schimpfwort. Viel Geld für nichts, so das Klischee. Dabei wusste keiner, wie viel Arbeit wirklich dahintersteckte – Verträge, Finanzen, Öffentlichkeitsarbeit, oft sogar die private Lebensführung der Spieler. Er hatte sich hochgearbeitet, aus eigener Kraft, Schritt für Schritt. Und er musste sich nicht dafür rechtfertigen.
„Ja, ich bin sein Spielerberater, aber nicht sein Kindermädchen. Habt ihr es mit WhatsApp und SMS versucht?“
„Martin, für wie blöd hältst du mich?“
„Es ist jetzt kurz nach zehn. Ich kläre ab, was los ist. Ich melde mich wieder bei dir. Es wird einen guten Grund geben.“
„Lass dir aber nicht zu viel Zeit! Und was sag ich den Pressefuzzis?“
„Er verspätet sich.“
„Das sollen die glauben?“
„Wenn du es ihnen sagst, wird es so sein.“
Mit einem „Scheiße“ legte Schulz auf.
Musste sich Schulz immer so aufregen? Gut, er stand unter Druck. Das Team schwächelte. Drechsler als Coach war längst umstritten. Und jetzt fehlte auch noch Jan, beim ersten Mannschaftstraining nach der Verletzungspause. Kein Wunder, dass einer wie Schulz ausflippte.
Doch was war wirklich los?
Hatte Jan verschlafen? Konnte vorkommen. Verunglückt? Es hätte längst irgendeine Nachricht gegeben. Er rief an. Und wartete. Nur die Mailbox.
Er kannte Jan seit sechs Jahren. In all dieser Zeit war Jan nie einfach weggeblieben. Wenn etwas dazwischenkam, hatte er vorher Bescheid gegeben. Und jetzt, ausgerechnet vor seinem Comeback, war er nicht einmal zu erreichen.
Hillmann überflog seinen Kalender. Nichts, was nicht warten konnte. Während er das Jackett überzog, drückte er die Kurzwahl seiner Sekretärin.
„Frau Jansen, ich muss weg.“
„Was ist mit Ihren Terminen?“
„Ich weiß nicht, wann ich zurück bin. Alles auf die nächsten Tage verlegen.“
Und schon war er aus dem Büro.
Super Bernd. Kann die 2. Folge kaum erwarten. Danke