Sehnsucht Lago – Folge 4
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Jan warf seine Tasche auf den Beifahrersitz und startete den Motor. Früher Nachmittag. Die anderen würden noch eine Weile trainieren. Ab morgen war er wieder dabei.
In seinem Kopf echote das Wort. Frei. Das hatte Stein gesagt. Ich geb dich frei.
Die Schranke vom Vereinsgelände öffnete sich von selbst. Die kalte Lüftung des Autos tat gut im Gesicht. Der Rückweg wie immer. Ausfahrt, Asphalt, dieselben Häuser rechts und links. Frühling schwang in der Luft, doch die Stadt schien ihn nicht zu bemerken.
Ein Anruf. Seine Mutter. Er wartete eine Weile. Dann drückte er auf die Freisprechanlage.
„Hallo Jan.“
„Hallo.“
„Was macht deine Verletzung?“
„Alles gut. Am Wochenende spiel ich wieder.“
„Das ist schön. Du, Jan …“
Er kannte das.
„Wir haben die Abrechnung bekommen, eine hohe Nachzahlung für die Nebenkosten. Und dann ist auch noch die Waschmaschine kaputt.“
„Kann er nichts dazugeben?“
„Er sucht eine neue Arbeit.“
Jan spürte, wie sie sich wand.
„Und?“
„Es ist nicht so leicht heutzutage.“
„Wie viel?“
„Fünftausend.“
Jan blickte auf die Straße vor sich. Eine junge Frau mit Kinderwagen ging hinüber.
„Okay.“
„Danke, Jan. Vielen Dank.“
Er legte auf. Schaltete die Lüftung höher.
Jan hatte seiner Mutter eine Eigentumswohnung gekauft, in schöner Wohnlage. Für sie allein. Als er sie durch die Räume geführt hatte, hatte sie vor Freude geweint. Und jetzt wohnte dieser Typ auch dort. Warum war sie nur mit ihm zusammen? Er mochte ihn nicht.
Nicht die Bitte um Geld störte ihn, sondern wer davon profitierte. Nicht seine Mutter. Sondern dieser Typ.
Jan bog in die Anwohnerstraße, parkte in der Tiefgarage, nahm den Aufzug. Die Wohnung roch noch immer nach Neubau. Auf der Couch entsperrte er das Handy. Es war noch keine Zeit dafür gewesen. Mechanisch scrollte er durch seine Social-Media-Profile.
Ein neues Reel.
Er im Zweikampf, in Zeitlupe. Schweiß, Spannung, dramatische Musik.
#back_on_track #comeback #unstoppable
Kommentare voller Begeisterung, Feuer- und Herz-Emojis. Einige Beleidigungen dazwischen. Er überflog nur.
Das Video kannte er nicht. Wahrscheinlich aus einem Reha-Training. Ein paar gelungene Ballkontakte, ein Sprint, ein entschlossener Blick. Genug für eine Heldengeschichte. Die Agentur hatte Zugriff auf alles. Er musste nur hin und wieder Selfies schicken. Er betrachtete sich. Die Dynamik, der Blick, seine Körpersprache. So sah er aus, wenn andere ihn inszenierten. Das gehört dazu, machen alle so – sagte Hillmann immer. Er mochte nicht, was aus ihm gemacht wurde. Der Mann im Reel kam ihm fremd vor.
Er schaltete den Fernseher an. Zusammenfassung der Ersten Bundesliga vom Wochenende. Er kannte die Teams. Die Spieler. Hatte mit vielen selbst auf dem Platz gestanden. Bald war er wieder mittendrin.
Ein paar große Schlucke Orangensaft in der Küche. Auf dem Bildschirm: spektakuläre Szenen, Tore, harte Fouls. Ein Highlight jagte das nächste. Ein stummes, verzerrtes Lachen zog über sein Gesicht. Was wussten sie schon? Glaubten sie, sie wären dabei? Moderatoren, Zuschauer, all die Leute in den Kommentarspalten? Sie wollten es glauben. Sie wollten, dass es echt war. Er kannte das Spiel – er wusste, wie es sich anfühlte, wenn man wirklich dabei war. Höhepunkte, Tiefpunkte und all das dazwischen. Nicht als Schnittfolge, sondern als Leben.
Sein Leben.
Und manchmal, für Sekunden, fällt die Umklammerung ab. Wenn das Spiel wieder ein Spiel ist, wenn du dich blind mit deinem Nebenmann verstehst, wenn der Ball, die Bewegungen und du eins werden. Dann wird es leicht in dir. Frei.
Ich geb dich frei. Steins Satz. War das eine Auszeichnung oder ein Urteil? Die Vorstellung, ab morgen wieder im Kader zu stehen, auf dem Feld, in der Öffentlichkeit – das fühlte sich nicht frei an.
Er stellte die Flasche ab, hielt sich an der Stuhllehne fest.
Der Schwindel.
Er war endgültig zurück.
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