Sehnsucht Lago – Folge 6

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Als Hillmann das Verwaltungsgebäude des Clubs betrat, blieb noch eine gute halbe Stunde bis zur Presskonferenz – die Pressekonferenz, auf der Jans Comeback offiziell hätte verkündet werden sollen. Er steuerte direkt das Büro des Clubmanagers an, klopfte kurz und trat ein. 

„Hallo Dietmar.“

Dietmar Schulz saß am Schreibtisch, hinter ihm das Panoramafenster mit Blick zum Stadion. Nur noch wenige verbliebene Haare krönten sein glattrasiertes Gesicht und er wirkte auch Ende fünfzig noch drahtig, fast wie zu seiner aktiven Zeit als Fußballer.  

Schulz umrundete den mächtigen Schreibtisch, lehnte sich leger an und fixierte ihn.

„Du weißt, wie viel Geld wir für Riedel ausgegeben haben. Auch welche Hoffnung wir in ihn gesetzt haben. Und immer noch setzen. Zwei Monate hat er uns auf dem Platz gefehlt.“

Die Worte waren nüchtern, fast sachlich. Hillmann nickte kaum merklich. Aus wirtschaftlicher Sicht hatte Schulz nicht unrecht. Trotzdem klang es, als sei die Verletzung ein persönliches Versagen von Jan gewesen. Der Tonfall von Schulz blieb verdächtig ruhig. Hillmann war nicht sicher, ob er es als gutes oder schlechtes Zeichen deuten sollte. Am besten, er ließ ihn erst mal reden.

„Die Saisonbilanz liegt weit hinter unseren Zielen. Wir haben Probleme genug. Und jetzt erscheint Riedel nicht. Ich bin sehr gespannt auf deine Erklärung.“ 

Schulz verschränkte die Arme, der Blick hart und unbeweglich.

„Ich möchte nicht um den heißen Brei herumreden, Dietmar.“ 

Hillmann hielt kurz inne. 

„Die Situation ist folgende. Jan ist einfach weg. Es gibt keine Nachricht, keinen Hinweis. Sein Wagen steht in der Garage. Seine Freundin, inzwischen Ex, hat keine Ahnung. Die Sache darf nicht nach außen dringen.“

Die Härte aus Schulz’ Gesicht wich etwas. Wortlos ging er zu seinem Sessel und setzte sich. 

„Verschwunden?“

Er starrte einen Moment aus dem Fenster zum Stadion.

„Und du bist sicher?“

Schulz erwartete keine Antwort.

Die Lüftung summte leise.

Fiel Jan aus, wäre es für den Club ein schwerer Verlust. Für Hillmann ging es um seine ganze Zukunft. Nur wenn Jan wieder spielte – und zwar so erfolgreich wie früher –, floss Geld. Nur dann ergaben sich neue Geschäfte. Hillmann zog es den Magen zusammen. Zum ersten Mal ließ er diesen Gedanken zu, den er bislang verdrängt hatte. Zu weitreichend. Zu grundsätzlich.

„Das ist Scheiße. Richtig Scheiße. Wir brauchen ihn dringender denn je“, bellte Schulz schließlich. Seine Stimme hatte zu ihrer gefürchteten Eindrücklichkeit zurückgefunden.

Obwohl Hillmann es so nicht ausdrücken würde, stimmte er Schulz innerlich zu. 

„Und wo bleibt deine gute Erklärung?“, fuhr Schulz ihn an. 

„Was wir jetzt brauchen, ist etwas Zeit, um …“ 

„Wir haben keine Zeit!“, ging Schulz dazwischen. „Am Wochenende sitzen fünfzigtausend Leute im Stadion. Dann steht das Champions-League-Viertelfinale an. Wir befinden uns in der heißen Phase, da ist keine Zeit für irgendwelche Sperenzchen.“ 

Schulz atmete lautstark aus.

Hillmann dachte das Gegenteil: Sie brauchten Zeit. Unbedingt. Wenn sie Jan in den nächsten Tagen fanden, musste niemand erfahren, dass er überhaupt verschwunden gewesen war. Doch sobald öffentlich wurde, dass niemand wusste, wo er steckte, schrieb sich die Geschichte von selbst. Warum wissen Club und Berater von nichts? Ist Riedel psychisch angeschlagen? Gibt es Streit mit dem Verein? Will er den Club verlassen? Dann hatten sie jede Kontrolle verloren.

„Wir haben ihn bald wieder. Lass mich das regeln.“ Hillmann versuchte, so zuversichtlich zu klingen, wie er nur konnte. „Gib mir nur etwas Zeit. Man kann sich auf ihn verlassen. Er weiß, was er dem Club schuldet.“ 

„Erzähl mir nichts! Wenn er das wüsste, wäre er jetzt hier. Riedel verdient bei uns mehr in einem Jahr als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben. Was willst du mir eigentlich sagen, Martin?“ 

„Wir alle wollen, dass Jan Riedel wieder Fußball spielt. Seine Leistungen waren bisher überragend – oder etwa nicht?“ Er sah Schulz herausfordernd an.  „Fakt ist, er ist momentan nicht da. Es war viel, was auf ihn einprasselte. Die Verletzung, die Trennung von seiner Freundin.“ 

Er ließ bewusst eine Pause vor dem nächsten Satz. 

„Was ist, wenn wir Jan falsch eingeschätzt haben? Solche Fälle hat es in den letzten Jahren genug gegeben.“

Schulz stutzte und sah ihn forschend an. „Mach mal halblang. Riedel ist doch ein ganz anderer Typ.“ Er lehnte sich langsam zurück.

Hillmann sah, dass der Zweifel in Schulz arbeitete. Er legte nach: „Der Öffentlichkeit können wir kaum erzählen, wir hätten keine Ahnung, wo Jan Riedel steckt. Dann redet keiner mehr über Fußball. Wir brauchen eine glaubwürdige Erklärung.“ 

Schulz hob eine Augenbraue. 

„Mach’s kurz – was soll ich sagen?“

„Dass Jan einen Rückschlag erlitten hat. Dass er noch nicht vollständig belastbar ist.“

Schulz trommelte lange mit den Fingern auf die Armlehne.

„Gut. Ich decke das. Aber nur dieses eine Mal.“


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2 Kommentare

  1. Lieber Bernd,
    da ist Dir ein Meisterwerk an spannender Unterhaltung mit psychologisch nachvollziehbaren Charakteren gelungen.
    Herzlichen Dank
    Claudia aus Mainz

    1. Liebe Claudia,

      herzlichen Dank für deine Worte. Es freut mich sehr, dass dich Jans Geschichte und die Figuren so erreichen.
      Weiterhin viel Spaß beim Lesen!

      Viele Grüße nach Mainz
      Bernd

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