Sehnsucht Lago – Folge 7
▹ Alle bisherigen Folgen
▹ Von Anfang an lesen

Am Fenster des Zugabteils perlten die Regentropfen ab. Die Landschaft dahinter nur schemenhaft – verschwommene Konturen von Bergen, gehüllt in Nebelschwaden und Wolken. Nach jedem Tunnel hoffte Jan, der Himmel würde aufreißen, doch der Regen verfolgte ihn. Und mit ihm die immer gleichen Fragen: Warum machte er nicht einfach weiter? Wovor lief er davon?
Er schlug das Buch auf, das er am Bahnhof in Zürich gekauft hatte, und zwang sich zu lesen. Doch er kam nicht voran. Seine Augen wanderten über die Wörter – durchsichtige Hülsen, die keinen Sinn ergaben.
Der ältere Herr gegenüber in dem dunkelbraunen, verknitterten Anzug wachte auf, rieb sich die Augen. Er war unterwegs zugestiegen.
„Wissen Sie, wo wir sind?“, fragte er.
Jan sah auf die Uhr. „Etwa eine halbe Stunde vor Bellinzona.“
„Gut. Dann habe ich noch Zeit. Ich besuche meinen Sohn. Und Sie? Urlaub am Lago Maggiore?“
Eigentlich wollte Jan einfach nur seine Ruhe.
„Ich will dem schlechten Wetter entfliehen.“ Er nickte zum trüben Fenster.
„Der Lago ist ein Paradies, aber nicht immer. Und nicht für jeden“, sagte der Mann lächelnd. „Ich wünsche Ihnen, dass Sie es finden.“
In Bellinzona war Endstation. Auf dem Bahnsteig sah Jan, wie der ältere Herr von einem Mann und zwei kleinen Mädchen empfangen wurde. Die drei lachten, die Mädchen sprangen an ihm hoch. Jan wechselte für die letzte Strecke in den Zug nach Locarno.
In dem leeren Abteil zog er die zerknitterten Blätter hervor und entfaltete sie – der Artikel über den Lago Maggiore. Während der trüben Tage in der Klinik hatte er ihn aus einem Magazin gerissen, immer wieder betrachtet und sich in Tagträume fallen lassen. Auf den Fotos strahlte die südliche Sonne, das Wasser schimmerte königsblau, Berge reckten ihre schneeweißen Spitzen in den wolkenlosen Himmel, Villen leuchteten aus exotischen Gärten hervor.
Jetzt das. Regen. Grau.
In Locarno goss es noch immer. Ein scharfer Wind trieb kalte Böen durch die Straßen. Da, zwischen zwei Häusern hindurch, entdeckte er den Lago – aufgewühlt, dunkel. Die Enttäuschung kam unvermittelt. Mit einem Mal fühlte er sich fehl am Platz. Was wollte er hier? Ärgerlich zog er den Reißverschluss der Jacke zu.
Dann nahm er den Bus nach Brissago und fuhr weiter nach Italien. Es war ihm recht, dass nur wenige Leute mitfuhren. Der Lago, braungrün, schwappte gegen das Ufer. Regenschleier zogen über das Wasser, ließen das gegenüberliegende Ufer verschwinden und wieder auftauchen.
In Cannobio stieg er aus und fand bald das Hotel, in dem er unter falschem Namen ein Zimmer reserviert hatte.
Jan benötigte nicht lange, um das Zimmer im zweiten Stockwerk zu beziehen. Altbacken, aber das war ihm egal. Hotels kannte er zur Genüge. Er stellte die Tasche vor dem Schrank ab. Er würde nicht auspacken, wie meistens. Er zog die Gardinen zur Seite. Es hatte aufgehört zu regnen.
Er ging hinaus, trödelte durch die regennassen Gassen. Die historischen Fassaden spiegelten sich in flachen Pfützen. Zwischen den Häusern hing der Geruch von Knoblauch, Pizza und Kaffee. Nichts davon berührte ihn. Ziellos schlenderte er weiter, bog mal links, mal rechts ab – genauso, wie er seinen Gedanken freien Lauf ließ.
Sein letztes Spiel. Der Innenbandriss am Knie. Zwei Monate war das nun her, es fühlte sich an wie eine halbe Ewigkeit. Er war trotz Schwindel angetreten. Niemand wusste davon, vom Schwindel, der ihn seit einiger Zeit plagte. Er kam nicht jeden Tag, aber oft genug. Ohne Vorwarnung. Wie eine gestörte Internetverbindung – mal kurz, mal länger. Und meist genau dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen konnte. Wenn ihm nur leicht schwindelig war, konnte er es einfach ignorieren – ein flaues Gefühl wie am Morgen nach einer Feier, auf der man etwas zu viel getrunken hatte. Der stärkere Schwindel fühlte sich wie zwei, drei große Gläser Wein direkt hintereinander an. Oder zumindest so stellte er sich das vor. Es war ein Schwanken, eine aufsteigende Übelkeit, wobei alles verwackelte – das Spielfeld, die Stimmen, sein eigener Körper.
Doch er hatte gelernt, seinen Körper im Griff zu haben. Er war Profisportler. Konnte es vertuschen, überspielen. Er sagte zu niemandem etwas. Nicht zum Teamarzt, nicht zum Trainer. Nicht mal zu Hillmann. Was hätte er auch sagen sollen? Das war keine Überdehnung, die man tapen konnte. Keine Prellung, die man kurzerhand vereiste.
Es war ein Zeichen für Schwäche.
Ein Unsicherheitsfaktor.
Und ein Spieler, der nicht stabil war, war ein Risiko. Und Risiken saßen schnell auf der Bank. Oder verschwanden aus dem Kader.
Also schwieg er.
An diesem Tag aber, da war der Schwindel stärker gewesen. So stark wie noch nie zuvor. Ein längeres Stück geradeaus zu laufen war fast nicht möglich. Er hielt sich beim Warmmachen etwas abseits. Würgte die Übelkeit hinunter. Lief unnötige Bögen, machte Ausfallschritte. Ließ anderen den Vortritt bei den Schüssen. Keinem fiel etwas auf.
Und dann das Spiel.
Schon nach wenigen Minuten der Zusammenprall. Als hätte sich sein Körper absichtlich in den Gegenspieler geworfen, hätte die Verletzung gesucht, den Schmerz in Kauf genommen, nur um dieser irrsinnigen Situation zu entkommen.
Ohne es zu merken, hatte Jan sich wieder dem See genähert und war in ein uraltes Viertel geraten. Die Häuser lehnten müde aneinander, erschöpft und verwittert von den Jahrhunderten. Die engen Gassen, gerade so breit wie zwei Armlängen, wurden von der Sonne gemieden. Dafür verfing sich die Feuchtigkeit des Sees, die den Putz von den Mauern löste. Eine schmale Treppe führte Jan hinunter zur lichten Uferpromenade. Der Lago hatte sich beruhigt, hob und senkte sich in sanften, schwarzgrünen Wellen. Im Hafenbecken schunkelten Segel- und Fischerboote zu einer behäbigen Musik, die nur sie wahrnahmen. Gegenüber eine Bar und ein paar Restaurants mit weiträumiger Außenbestuhlung – völlig unbesetzt. Es war noch Vorsaison.
Jan spürte, wie die Ruhe in ihn einzog, wie er entspannte. In einem Ristorante kaufte er eine Pizza Quattro Stagioni und eine große Flasche Wasser und nahm beides mit auf sein Hotelzimmer.
Wie geht Jans Geschichte weiter?
Jeden Montag und Donnerstag erhältst du die neue Folge kostenlos per E-Mail.