Sehnsucht Lago – Folge 2
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Unterwegs wählte Hillmann wiederholt Jans Nummer. Junge, geh ran! Kurz nach halb elf Uhr parkte er den wuchtigen BMW-SUV unweit von Jans Wohnung. Er stieß das Gartentor auf, lief den Kiesweg entlang, nahm die Treppenstufen vor dem vierstöckigen Neubau zwei auf einmal. Außer Atem klingelte er – und verfluchte sein Übergewicht. Nach dem dritten Versuch drückte er alle anderen Klingelknöpfe.
„Wer ist da?“, krächzte eine Frauenstimme aus der Sprechanlage.
„Martin Hillmann. Ich bin Jan Riedels Berater. Er macht nicht auf.“
„Ja und? Was habe ich damit zu tun?“
„Wissen Sie vielleicht etwas?“
„Hier klingeln laufend irgendwelche Leute. Gehen Sie, sonst rufe ich die Polizei.“
Es klickte in der Sprechanlage.
Hillmann ging ums Haus. Die Einfahrt der Tiefgarage stand offen. Er lief die Rampe hinunter. Seine Schritte hallten laut. Das Geräusch des schließenden Tores ließ ihn herumfahren. Er beeilte sich, die Stellplätze zu erreichen, bevor es ganz finster wurde. Dann sprang die automatische Deckenbeleuchtung an.
Auf dem halbleeren Parkdeck entdeckte er Jans dunkelblauen Audi. Unauffällig. So wirkte Jan auch abseits des Fußballfelds. Und das, obwohl mit dem Wechsel zum Club alles größer geworden war: Verein, Gehalt, Publicity. Der Transfer allein war zwanzig Millionen schwer – die größte Zahl, die Hillmann je ausgehandelt hatte. Schulz hatte sich für Jan starkgemacht, gegen Widerstände im Verein. Ein Glücksfall für Hillmann, denn der Club war seine erste Wahl für Jan gewesen. Ein Transfer, der ihn selbst in Sphären brachte, von denen viele Manager nur träumten. Riesige Ablösen, phänomenale Gehälter, Werbedeals ohne Ende. Fünfzehn Prozent flossen direkt zu ihm, dazu fette Vertragsboni. Er hatte vom 5er sofort auf den X7 gewechselt, neue Büroräume gemietet. Selbstverständlich repräsentativ.
Hillmann legte die Hand prüfend auf die Motorhaube. Das Blech war kalt. Vielleicht war Jan gestern unterwegs gewesen und hatte spontan irgendwo übernachtet. Manche Spieler verschliefen schon mal das Training. Aber nicht Jan.
Stirnrunzelnd stapfte er die Rampe wieder hinauf, drückte den Öffnungsknopf und verließ die Garage. Zurück in seinem Wagen versuchte er, die Fakten zu ordnen: Jan erschien nicht zum Training, gab keine Nachricht, reagierte nicht auf Anrufe, war mit seinem Auto nicht weggefahren. Wo konnte er sein? Gerade heute.
Er öffnete seine Kontaktliste und tippte auf Marco.
Wenn jemand wusste, was mit Jan los war, dann er. Von allen Spielern im Kader schien er derjenige zu sein, zu dem Jan den engsten Kontakt hatte.
Mailbox.
Er wartete etwas und versuchte es erneut. Marco hob nicht ab. Natürlich nicht. Momentan stand die Mannschaft auf dem Trainingsplatz.
Verdammt.
Er scrollte weiter durch seine Kontakte. Einen Augenblick zögerte er, dann wählte er die Nummer von Jans Mutter.
Nach dem dritten Klingeln meldete sie sich.
„Hallo?“
„Frau Riedel? Martin Hillmann hier.“
„Herr Hillmann. Ist etwas passiert?“
„Nein, nein“, sagte er sofort. „Nichts Besonderes. Ich wollte nur fragen, ob Sie heute mit Jan gesprochen haben.“
„Heute? Nein.“
„Gestern vielleicht?“
„Kurz. Warum?“
Hillmann blickte durch die Windschutzscheibe auf die vorbeifahrenden Autos.
„Ach … ich erreiche ihn gerade nicht.“
Am anderen Ende entstand eine kleine Pause.
„Das kommt schon mal vor.“
„Ja“, sagte Hillmann.
Tatsächlich kam es fast nie vor.
Jan sprach kaum über seine Familie. Hillmann wusste nur, dass die Eltern seit Jahren getrennt waren. Die Mutter lebte inzwischen mit einem neuen Partner zusammen. Viel mehr hatte Jan nicht erzählt.
„Soll ich ihm etwas ausrichten?“, fragte sie.
„Nein, danke. Wahrscheinlich hat er sein Handy irgendwo liegen lassen.“
„Dann wird er sich schon melden.“
„Bestimmt.“
Sie verabschiedeten sich.
Hillmanns Augen verengten sich. Zum ersten Mal seit Schulz’ Anruf wurde er tatsächlich unruhig. Vielleicht machte er sich unnötig Sorgen, und Jan würde wieder auftauchen. Am Ende war es bestimmt nur etwas Banales. Doch das dunkle Gefühl ließ ihn nicht los.
Da gab es diese Tragödie vor ein paar Jahren. Der Selbstmord eines Profifußballers. Zu Frau und Kind hatte er gesagt, er ginge nur kurz weg – und warf sich vor einen Zug. Wochenlang war in den Medien darüber gesprochen worden. Expertenrunden und Titelgeschichten. Immer dieselben Worte: Tabu, Offenheit, Prävention. Und es schien, als kämen laufend neue Geschichten hinzu. Hatte sich seitdem etwas geändert? Vielleicht gab man sich offener. Hillmann hatte eher den Eindruck, es war härter geworden.
Depression, gar Selbstmord? Bei Jan?
Wenn jemand etwas hätte merken müssen, dann er. Doch da war nichts gewesen. Nichts Dramatisches. Nichts, was über die übliche Reaktion auf eine verletzungsbedingte Pause hinausging.
Hatte die Ehefrau denn seinerzeit etwas gemerkt?
Dieser Schatten blieb.
Wie geht Jans Geschichte weiter?
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