Sehnsucht Lago – Folge 10

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Lange sah er das in die Jahre gekommene Tastentelefon an. Überlegte hin und her. Schließlich nahm er den Hörer ab und wählte die Nummer. 

Er war es ihm schuldig. 

Nach drei Klingelzeichen meldete sich Martin Hillmann.

„Ich bin’s“, sagte Jan.

„Jan!“, rief Hillmann, er klang überrascht und erleichtert. „Wo bist du?“

Jan räusperte sich. „Ich … ich kann das nicht mehr.“

Er schaute auf den leeren Pizzakarton am Fußboden. 

Nach einer Weile der Stille sprach Hillmann in ruhigem Ton: „Jan, ich kenn das. Es war eine harte Zeit für dich, eine Durststrecke. Das passiert jedem mal. Aber die ist vorbei. Die OP war perfekt. Du wirst wieder der Alte. Der Beste. Alle warten auf dich. Ich war immer stolz, dich zu betreuen. Und jetzt holen wir uns zurück, was uns zusteht.“

„Es geht nicht darum … Also, es ist nicht die Verletzung. Ich hab viel nachgedacht.“

„Klar, das ist doch normal. Kopfkino in der Reha. Gerade in so einer Situation. Das kriegen wir wieder hin. Was brauchst du? Ein bisschen Abstand? Sag’s mir.“

„Ich glaube nicht, dass das hilft.“ 

Auf dem Karton lagen noch ein paar Pizzakrümel, am Rand klebte etwas Tomatensoße.

„Es passt irgendwie nicht mehr zu mir.“

„Du willst doch nicht einfach aufhören? Jan!“ Es klang amüsiert. Abrupt wechselte er in einen kühlen Ton. „So einfach ist das nicht. Das weißt du. Wir haben Verträge, Verpflichtungen. Das ist nicht nur dein Leben, Jan. Du hast Verantwortung. Auch für die Leute, die an dich glauben.“

„Ich weiß. Ich will ja niemanden hängen lassen. Es ist nur … ich fühl mich nicht mehr richtig in dem Ganzen.“

„Du bist gerade raus aus dem Rhythmus. Da fühlt sich vieles falsch an. Aber das geht vorbei. Der Fußball ist doch dein Leben. Das, was du liebst. Der Trainer, Schulz, alle – sie stehen voll hinter dir. Du bist nicht allein.“

Jan sagte nichts. Der Telefonhörer wog unendlich schwer in seiner Hand.

„Mach Folgendes. Nimm dir ein paar Tage, hol Luft. Ich kümmere mich um alles. Aber triff keine vorschnellen Entscheidungen. Denk dran, wie viele dich brauchen. Deine Fans, das Team, der Club. Und du weißt, ich bin immer für dich da.“ 

Jan schwieg weiter.

„Ich hab versucht, dich auf dem Handy zu erreichen. Ist es aus?“

„Ich meld mich.“

„Aber wenn …“

Jan legte auf, bevor Hillmann den Satz beenden konnte. Er zählte die abgenutzten Tasten auf dem Telefon. Vier in jeder der vier Reihen. Sein Puls galoppierte immer noch. Er legte sich aufs Bett, schloss die Augen. Er hörte Hillmann noch sprechen. Alle brauchten ihn. Die Mannschaft. Der Club. Die Fans. Immer hatte jemand etwas von ihm erwartet. Heute hatte er zum ersten Mal nicht einfach Ja gesagt. 

Nicht laut, aber für sich.

Legt der Kerl einfach auf! 

Endlich hatte Jan sich gemeldet. So wie er es erwartet hatte. All die Zweifel waren Hirngespinste gewesen. Aber er hatte Jan nicht festgehalten, nicht gepackt. Aufgelegt – wie konnte ihm das passieren? Wie einem Jäger, der den Schuss verpasst, weil er zögert. So ein Mist! 

Hillmann trat mit dem Fuß gegen einen Blumenkübel. 

Die Leute im Eingangsbereich des Restaurants drehten sich nach ihm um. Er lächelte linkisch und zog das Jacket zurecht. 

 „Es passt nicht mehr zu mir.“ Was für ein Unsinn! Was für ein unausgereiftes, spätpubertäres Herumgestakse! Profifußball war ein Geschäft. Sein Geschäft. Ohne ihn wäre Jan nie dort gelandet. Er hatte ihn aufgebaut. Hatte die richtigen Vereine ausgewählt, die richtigen Verträge ausgehandelt, die richtigen Kontakte genutzt. Er hatte an Jan geglaubt, als andere ihn noch für ein Talent unter vielen hielten. Und der Erfolg gab ihm Recht. Jetzt sollte sich endlich auszahlen, was er jahrelang aufgebaut hatte. Das konnte man doch nicht einfach hinschmeißen! Hillmanns Stirn formte zwei wulstige Falten. Da hatte etwas Entschlossenes durchgeklungen …  

Er kehrte zurück in den modänen Gastraum und setzte sich an den Tisch zu Dimitri. Dieser sah ihn fragend an.

„War nicht erfreulich?“

Hillmann schüttelte kaum merklich den Kopf. Dann leerte er sein Glas in einem Zug. 

„Du weißt, wenn du einen Freund brauchst …“

Er musste Jan wiederhaben. So schnell wie möglich. Niemand sollte seine Pläne durchkreuzen. Schon gar nicht Jan.

Und wenn Jan tatsächlich nicht mehr wollte? Nein! Ein Spieler, der sich verweigerte, war wertlos. Jan musste wollen. Er musste von allein zurückkommen – dankbar, wieder aufgenommen zu werden in seine angestammte Welt. 

Abrupt griff Hillmann nach seinem Handy und tippte auf die Anrufliste. Bingo! Die Nummer war nicht unterdrückt. Er kopierte sie und setzte sie in die Suchmaschine ein. Er las: 

Hotel Marino. Cannobio. Lago Maggiore. 

Was wollte Jan dort? 

Völlig egal. 

Auf einmal hellte sich Hillmanns Gesicht auf und er blickte sein Gegenüber erwartungsvoll an. 

„Vielen Dank, Dimitri, ich weiß deine Freundschaft zu schätzen. Ich hab da was für dich.“

„Deine Probleme sind meine Probleme“, erwiderte der und verzog den Mund zu einem schrägen Grinsen.


Folge 11 erscheint am Montag.

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