Sehnsucht Lago – Folge 13
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Jan fieberte dem Abend entgegen. Frühzeitig machte er sich auf den Weg zum Restaurant. Es empfing ihn ein gemütlicher Gastraum, dessen Wände in Altrosa gestrichen waren. Etwa die Hälfte der Tische war besetzt, die andere trug Reserviert-Schilder. Der Kellner führte ihn zu seinem Platz, und Jan setzte sich so, dass er durch die großen Fenstertüren den Vorplatz im Blick hatte.
Sandra erschien etwas nach acht. Ein blumiger Parfümhauch umschmeichelte ihn, während er ihr aufgeregt aus dem Mantel half. Die Haare hatte sie kunstvoll nach hinten gesteckt, sodass die großen Ringe an den Ohren frei schaukeln konnten.
Sie saßen sich gegenüber. Ihre Augen fesselten ihn erneut. Kurz musste er an Kaa aus dem Dschungelbuch denken.
„Wie geht es deinem Sonnenbrand?“, durchbrach sie den Bann.
„Durch deine Hilfe schon viel besser. Nochmals danke dafür. Und danke, dass du meine Einladung angenommen hast.“ Er war froh, dass seine Stimme einigermaßen natürlich klang.
„Sehr gern.“
Sie war auf jeden Fall etwas älter als er. Aber das machte sie für ihn noch anziehender. Und dann platzte es einfach aus ihm heraus: „Du siehst übrigens umwerfend aus.“
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht.
Der Kellner brachte die Karte. Sie brauchten nicht lange und gaben die Bestellung auf. Dann stießen sie mit Prosecco an.
„Wie gefällt es dir am Lago?“, fragte sie.
Wie wenn ein Souffleur ihm den Text ins Ohr flüsterte, floss es aus ihm heraus, sodass er sich selbst wunderte: „Ich liebe das Licht, die milde Luft, die Farben, den See. Heute habe ich das Gefühl, als hätte mich die südliche Sonne aus einem langen Winterschlaf wachgeküsst.“
„Sehr poetisch. Gebraten trifft es aber eher“, lachte Sandra.
„Für die Einheimischen ist das Leben am Lago vermutlich völlig normal“, lenkte er ab.
„Für viele schon. Aber ich verstehe gut, was du meinst. Ich kenne den Unterschied, deshalb fühle ich mich am Lago auch so wohl.“
„Was arbeitest du?“
„Ich arbeite für eine Social-Media-Agentur. Texte, Bilder – alles Mögliche. Das meiste mache ich von zu Hause aus. Der Vorteil ist: Ich kann mir die Zeit frei einteilen. Wenn das Wetter schön ist, gehe ich einfach an den Strand. So wie heute.“
„Und cremst fremden Männern den Rücken ein.“
„Was glaubst du denn?“, entgegnete sie und zog scherzhaft die Augenbrauen hoch.
Sie unterhielten sich über Musik, Filme, Reisen. Und er staunte immer wieder darüber, wie leicht ihm die Worte fielen, wie ungezwungen das Gespräch verlief, wie selbstverständlich er sich ihr gegenüber öffnete, so als hätte sie eine Tür in ihm aufgestoßen, von der er selbst nicht wusste, dass sie existierte.
Sandra war nicht nur schön – sie war schlagfertig, charmant und brachte ihn immer wieder zum Lachen. Er war hingerissen. Vielleicht war es ihre Aufmerksamkeit, vielleicht ihre Art, ihn anzusehen, als wäre er der einzige Mann weit und breit.
Mit Lejla war es völlig anders gewesen. Ihre Beziehung hatte eine Weile gehalten, wahrscheinlich nur deshalb, weil sie sich kaum sahen – er war mit dem Fußball unterwegs, sie mit ihren Shootings. Wenn sie dann zusammen waren, drehten sich die Gespräche um Lejlas Arbeit oder darum, wen sie aus dem Kreis der Reichen und Schönen getroffen hatte. Oft hatte er das Gefühl, sie wären nicht allein. Als verfolgten unsichtbare Kameras jede von Lejlas Bewegungen. Sie konnte ihre Rolle nicht ablegen. Sie war diese Rolle – ein Kunstwerk, nach dem sich die Männer umdrehten und das die Frauen neidisch beäugten.
Sandra wirkte ungekünstelt, normal. Das gefiel ihm. Was ihn aber am meisten zu ihr hinzog, was ihn regelrecht überwältigte: Zum ersten Mal war eine Frau nicht an dem prominenten Fußballer Riedel interessiert, sondern einfach an ihm selbst. An Jan. Und verwundert stellte er fest, dass er Lejla nicht mehr nachtrauerte. Selbst der Schmerz schien verblasst.
Nach dem Essen spazierten sie zur nächtlichen Uferpromenade. Sandra hatte sich bei ihm eingehakt. Das Wetter hatte umgeschlagen, Wolken trieben über den Nachthimmel, Fahnenseile klapperten an den Masten. Es machte ihn federleicht und ein wenig stolz, wie sie zusammen Arm in Arm am Lago entlangschlenderten. Ihm fiel auf, dass Sandra nur wenig von sich erzählt hatte, und doch hatte er das Gefühl, sie immer besser kennenzulernen.
Sie sprachen nur noch wenig und erreichten das Ende eines schwankenden Anlegestegs, der ein Stück in den See hinausreichte. Sie blickten auf das wallende Wasser und auf die lebendig-flackernden Lichter an den Uferhängen. Der warme Wind zerzauste ihnen das Haar.
Plötzlich drehte Sandra sich zu ihm, griff mit beiden Händen seine Jacke und zog ihn energisch zu sich heran, sodass sich ihre Lippen zu einem Kuss trafen. Jan schloss die Augen und fiel in einen Strudel – ihre weichen Lippen, der zarte Kaffeegeschmack ihres Mundes, ihre glatte Haut, sein bebender Körper, das Schwanken des Stegs. Er fühlte sich gleichzeitig leicht und schwer. Sie entzog sich lachend seiner Umarmung und lief ein paar Schritte davon. Schnell hatte er sie eingeholt. Sie fiel ihm in die Arme und sie küssten sich wieder und wieder.
„Lass uns zu dir gehen“, flüsterte sie ihm ins Ohr.
Er spürte sein Herz heftig trommeln und war sicher, dass sie es hören konnte.
Als sie das Hotel betraten, fragte sie: „Meinst du, wir kriegen noch Champagner zu trinken?“
Er wollte die Hotelbar ansteuern, doch sie hielt ihn zurück.
„Nicht hier, auf dem Zimmer.“
Er besorgte den Champagner und zwei Gläser. Im Zimmer entwand sie ihm die Flasche.
„Ich mach das gerne.“
„Champagner aus der Champagne“, rief er, als der Korken ploppte.
Das erste Glas schäumte über.
„O, tut mir leid“, sagte Sandra geknickt.
„Kein Problem, bin gleich wieder da.“
Er lief ins Badezimmer und kam mit einem Tuch zurück.
„Alla salute!“, prosteten sie sich zu.
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