Sehnsucht Lago – Folge 22
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Ohne weitere Worte gingen sie durch das nächtliche Montefiori, Jan vorneweg mit dem Milcheimer, Emilia hielt sich etwas hinter ihm. Die Schritte schallten einsam zwischen den Gemäuern. Von weitem rief ein Käuzchen, sonst war es still. Als sie Ricardos Haus erreichten, wies Emilia auf den Brunnen.
„Du solltest dich waschen.“
Erst jetzt nahm er wahr, dass er vor Dreck stak. Seine Klamotten waren wahrscheinlich nicht mehr zu retten. Emilia brachte eine Lampe heraus, reichte ihm ein Stück Seife und ein Handtuch und lies ihn allein. Aus dem rostigen Hahn schoss das eiskalte Wasser. Es half nichts. Er zog sich vollständig aus und begann, sich von oben bis unten einzuseifen.
„Ich leg dir was hin“, rief es vom Haus.
Er wirbelte herum und bedeckte seine Blöße. Emilia stand auf der Treppe und hielt mit einer Hand ein T-Shirt, mit der anderen eine Unterhose in die Höhe.
„Du hast ja fast gar nichts dabei“, bemerkte sie.
Sie hatte also seine Reisetasche untersucht.
Als er immer noch wie eingefroren dastand, fuhr sie fort: „Du brauchst dich nicht zu zieren. Ich kenne das von meinen Brüdern.“ Dabei schaute sie trotzdem ganz unverhohlen an ihm hinunter.
„Aber meins kennst du noch nicht.“
„O, was ihr euch immer einbildet! Ihr seid doch alle die gleichen Zimperliesen.“ Sie verzog den Mund.
„Was gehen dich überhaupt meine Sachen an?“
„Vielleicht braucht der Herr etwas zum Anziehen?! Ich schau mal, ob ich was von Ricardo für dich finde.“
Sie tänzelte zurück ins Haus. Nach kurzer Zeit landeten ein paar Kleidungsstücke auf der Treppe.
Er wurde nicht schlau aus ihr. Eben noch hatte sie ihn mit der Mistgabel bedroht und jetzt sorgte sie dafür, dass er sich waschen und anziehen konnte. Sie schien alles mit derselben Entschlossenheit zu tun – verteidigen ebenso wie kümmern.
Als Jan frisch gekleidet in der Stube erschien, unterdrückte Emilia mühsam ihr Lachen. Verunsichert blieb er stehen und sah an sich herunter.
„Du hast mir die Kleider gegeben.“
„Es sieht einfach zu komisch aus. So als wärst du aus Hemd und Hose herausgewachsen.“
Jan setzte sich zu ihr an den Tisch, ein Stück abseits. Er traute dem Frieden nicht. In der Mitte standen Speck, Käse und Brot. Die Petroleumlampe warf ein kreisrundes Licht. Sie schob ihm Teller und Messer zu. Er schnitt sich etwas ab und begann zu essen.
„Du hast übrigens Glück mit deinem Urlaub. Das Wetter ist momentan recht warm und schön.“
Jan erwiderte nichts und kaute weiter. Sein Schweigen hing wie eine Anklage zwischen ihnen.
„Es tut mir leid“, sagte sie dann, leise und ernsthaft.
Er nahm sich noch ein Stück Käse. „Und was?“
„Wie ich dich im Stall behandelt habe.“
Er sah sie an. Auf einmal wirkte sie wie verändert.
„So? Woher kommt der Gesinnungswandel?“
Sie strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr.
„Wie gesagt, ich hab dich schon mal gesehen. Du warst bei uns im Restaurant. Pizza zum Mitnehmen. Weißt du noch? Ich kann mir Gesichter gut merken.“
Jan konnte sich nicht an sie erinnern. Für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Jan sah rasch zurück auf seinen Teller.
„Du hast kein Verbrechergesicht.“
„Dankeschön“, sagte er verblüfft. „Trotzdem hast du mich mit der Mistgabel bedroht.“
Sie spielte mit dem Löffel in ihrer Tasse.
„Ich hatte mit niemandem gerechnet. Hier ist sonst keiner. Mein erster Gedanke war, du bist ein Einbrecher.“
„Ein Einbrecher? Was gibt es hier schon zu stehlen?“
„Wenn einer nicht viel hat, ist das viel genug“, sagte sie entschieden.
„Und wenn ich tatsächlich ein Einbrecher gewesen wäre?“
Sie schmunzelte.
„Nein, so einer bist du nicht.“
„Das weißt du, weil ich Pizza bei euch gekauft habe?“
„Nicht nur deswegen. Ich merke mir, wie Menschen mit anderen umgehen. Du warst höflich, obwohl du lange warten musstest. Und vorhin im Stall hast du mich nicht angegriffen, obwohl du Gelegenheit dazu hattest.“
„Du hattest eine Mistgabel.“
„Trotzdem.“ Sie blickte ihn ruhig an. „Ich täusche mich nicht oft in Menschen.“
„Und warum hast du mich dann weiter bedroht?“ Er verstand sie ganz und gar nicht.
„Das tut mir auch besonders leid. Aber du hast mir im ersten Moment so eine furchtbare Angst eingejagt. Ich konnte kaum richtig sprechen, so stark schlug mein Herz. Und da dachte ich, es ist nur gerecht, wenn nicht nur ich die ganze Aufregung habe. Gib zu, du hattest auch Angst.“
„Eine Mistgabel ist keine alltägliche Waffe und gefährlich genug.“
„Jetzt sag schon – hab ich dir Angst gemacht?“
„Ein bisschen.“
Jan fand plötzlich, dass sie irgendwie verrückt war. Er wechselte das Thema.
„Wo bleibt Ricardo überhaupt?“
Sie machte große Augen.
„Natürlich, du kannst es nicht wissen. Er hatte einen Unfall. Und es brauchte jemanden, der die Ziegen versorgt. Ich bin immer mal hier oben. Normalerweise, wenn ich meine Ruhe haben will.“
Sie warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. „Das wird ja diesmal nichts.“
„Was ist mit Ricardo?“ Jan merkte, dass er besorgt war.
„Er kam mit dem Auto von der Straße ab. Gott sei Dank verhinderten ein paar Bäume, dass er in die Schlucht abstürzte. Er ist jetzt in Verbania im Krankenhaus – Prellungen, Gehirnerschütterung, nichts Gravierendes. Ich denke, er kommt bald wieder auf die Beine. Ricardo ist zäh.“
Sie stand auf.
„Die Milch ist an der Reihe.“
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