Sehnsucht Lago – Folge 19
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Am Nachmittag folgte Jan dem Pfad, der sich vom Dorfrand über die Weide hin zu den Bergwänden schlängelte. Dort war das Gebimmel der Ziegen kaum noch zu hören. Der Wind flüsterte entlang der Felsen, und außer dem gelegentlichen Piepsen eines Vogels blieb es still. Es war eine Stille von so ungeheuerer Tiefe, als würde sich ein unendlicher Raum öffnen.
Er setzte sich auf einen Steinbrocken und sah hinunter. Das Dorf war auf einer Art Terrasse errichtet, die vermutlich vor Urzeiten durch einen gewaltigen Felssturz entstanden war. Die etwa zwanzig Häuser – oder besser das, was von ihnen übrig war – drängten sich nahe der bewaldeten Klamm, durch die der Weg zur Außenwelt führte. Ringsherum erstreckten sich Wälder, Berge, Täler – endlos und wild. Nirgends entdeckte er eine weitere Ansiedlung oder einen Hinweis auf menschliche Zivilisation.
Ein auffahrender Windstoß strich über sein Gesicht und Haar. Zum ersten Mal seit Langem hatte er das Gefühl, dass die Zeit nicht drängte. Nichts zerrte an ihm. Keine Physio, kein Trainingsraster, kein Hillmann. Und doch war ihm nicht wohl. Alles hier wirkte auf ihn, als würde er auf einer Feier zwischen lauter Unbekannten alleine herumstehen. Er ging wieder zurück.
Der Schatten der Bergkette legte sich schwer auf die Häuser. Die Luft wurde kalt und ließ Jan frösteln. Am Himmel zog unaufhaltsam das nächtliche Seidentuch heran, verdeckte die Blaupalette mit Dunkelgrau und Schwarz. Der Tag verabschiedete sich.
Jan spähte die dämmrige Gasse hinunter, aber Ricardo blieb aus. Ihn überkam ein ungutes Gefühl. Er horchte auf Schritte. Schaute hinaus. Aß Käse. Trank Wein. Wer sollte die Ziegen melken, falls Ricardo nicht zurückkommen würde?
Dann war es dunkel.
Was sollte er tun?
Gedankenfetzen. Er wollte sie abschütteln. Doch sie wurden immer stärker – verdichteten sich zu zwei Positionen, die anfingen, miteinander zu streiten.
„Die Ziegen müssen gemolken werden!“
„Aber doch nicht von mir. Sind es meine Ziegen?“
„Wer isst denn den Käse?“
„Nur weil man Käse isst, muss man sich nicht um seine Herstellung kümmern.“
„Die Tiere werden leiden.“
„Ich kann das nicht. Das hast du sehr wohl mitbekommen.“
„Und wer sonst?“
„Ricardo wird schon gleich kommen.“
„Tierquäler!“
Widerwillig gab er sich geschlagen.
Schon von Weitem hörte Jan das klägliche Blöken. Er zündete im Stall die Laterne an, nahm Schemel und Eimer und setzte sich an eine Ziege. Doch sie trat einen Schritt zur Seite. Er rückte nach. Und das Spiel begann von Neuem. Erst an der Stallwand konnte das Tier nicht mehr ausweichen. Er rief sich in Erinnerung, wie es bei Ricardo ausgesehen hatte. Zaghaft begann er, an den Zitzen zu ziehen. Die Ziege wurde unruhig. Urplötzlich machte sie einen Satz und riss ihn dabei vom Sitz. Er lag im Dreck.
„Na wartet, ihr Lieben!“
Jan packte die Nächste am Halsband und bugsierte sie in die richtige Position. Dann bearbeiteten seine Hände das Euter – erfolglos. Wie ein Kalenderspruch kreiste Ricardos Weisheit in seinem Kopf: „Gefuhle zu Ziege, dann komme Milche ganz selbste.“
Was für ein Blödsinn!
Kein Tropfen fiel in den Eimer. Dafür rann ihm der Schweiß von der Stirn. Unablässig drückte und presste er die Zitzen. Er spürte Panik aufsteigen. Und dann wurde er laut.
„Ihr doofen Ziegen! Warum könnt ihr euch nicht selber melken, wie es sich gehört? Hier ist der Eimer. Bitteschön, nicht drängeln. Jede kommt dran.“
Frustriert hielt er der Ziege den Eimer vor die Schnauze hin.
„Ich Idiot. Warum nur bin ich hier? Eigentlich passen wir gut zusammen: Die doofen Ziegen und der Idiot. Ihr sagt gar nichts. Denkt wohl, ihr seid was Besseres?“
„Che cosa stai facendo?“
Jan schreckte herum und stolperte über den Schemel. Mit den Händen fing er sich am Boden ab.
Das war nicht Ricardos Stimme.
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