Sehnsucht Lago – Folge 17
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Jan hatte tatsächlich auf der harten Bank eine Weile geschlafen. Ricardo werkelte am Herd, öffnete eine Klappe und schob einen Holzscheit in die Glut. Als er merkte, dass sein Gast wach war, deutete er auf den Tisch.
„Mangiare“
Er verteilte Gnocchi in die Teller, beträufelte sie mit etwas Olivenöl und rieb Käse darüber. Es war ein einfaches Essen, doch in Anbetracht seiner Situation war Jan recht dankbar. Der Alte schenkte wieder von dem Wein aus und sie stießen an.
„Wohnen Sie alleine hier?“
„Si, si“, lachte der Alte laut. „Mit Ziege, Walde, Berge unde Ruhe. Iste alte Haus von Famiglia.“
Jan nickte, als ob er verstand, welche Bedeutung das hatte.
Im milden Licht des verklingenden Tages gingen sie auf eine Weide vor dem Dorf. Schon sprangen die Ziegen herbei, zwei große und drei kleinere, als hätten sie auf Ricardo gewartet – was sie wohl auch hatten. An jedem Hals bimmelte ein Glöckchen. Ricardo führte die kleine Herde in den nahestehenden Stall, entzündete eine Lampe und machte sich ans Melken. Als die zweite Ziege an die Reihe kam, wandte er sich Jan zu.
„Wolle versuche?“
Jan zögerte. „Ich habe so etwas noch nie gemacht.“
„Kein Angste.“
Jan setzte sich auf den Schemel. Ricardo nahm Jans Hände, legte sie an die Zitzen der Ziege und vollführte mit ihnen die Bewegung. Dann überließ er es Jan. Nicht ein Tropfen Milch kam zum Vorschein. Nach ein paar weiteren Versuchen gab er betreten auf. Ricardo lachte.
„Iste einfache. Brauche Gefuhle zu Ziege, dann Milche komme von selbste. Werde lerne.“
Zurück im Haus verwahrte Ricardo den Milcheimer in einen Schacht, der sich an der hangseitigen Wand im Boden befand und mit zwei dicken Brettern abgedeckt wurde.
„Kuhleschrank“, grinste er.
Dann legte er ein paar Holzscheite in den noch glimmenden Ofen und goss Wein ein.
„Was du arbeite?“
Jan wollte auf keinen Fall darüber sprechen, lügen wollte er aber auch nicht. „Momentan bin ich ohne Arbeit. Ich hab mir eine Auszeit genommen.“
„Auszeit. Si, si.“
Der Alte fragte nicht weiter. Jan ging hinaus an den Brunnen und wusch sich mit dem kalten Wasser. In seiner Reisetasche fand er nur ein T-Shirt, zwei Unterhosen und ein Paar Socken – das war alles, was er auf die Schnelle zusammengerauft hatte.
Ricardo erzählte dann noch eine Weile von seiner Zeit in Frankfurt, bis sie sich schlafen legten – Ricardo im Bett, er wieder auf der Holzbank.
Ricardo schnarchte schon geraume Zeit. Jan schaute schlaflos in das düstere Dachgebälk. Ein tiefes Grollen, das unregelmäßig anhob und abebbte, unterlegte die Geräusche des Alten. Allmählich wurde es lauter. Einzelne Donnerschläge stachen hervor und verhallten mit rauem Getöse. Ein Blitz beleuchtete grell das Nachbarhaus. Es krachte immer gewaltiger. Dann setzte Regen ein, platschte gegen die Scheiben, trommelte auf das Dach. Die Haustür klapperte so stark, dass Jan befürchtete, sie würde jeden Augenblick aufspringen und das Unwetter hereinlassen. Als Konfirmand hatte er einmal von mächtigen, schrecklichen Gewalten gehört, die am Ende aller Tage die Erde heimsuchen sollten. Jetzt glaubte er, sie stünden vor der Tür.
Er tappte hinüber zu Ricardo und sah im aufzuckenden Licht, dass dieser fest schlief. Er rüttelte ihn ein paar Mal, bis er reagierte.
Mit einem „Iste Gewitta“ drehte sich Ricardo auf die andere Seite und schlief weiter.
Das Krachen und das Prasseln ließen Jan nicht einschlafen. Es dauerte lange, bis Blitz und Donner in der Ferne verebbten und das Wasser vom Dach ausgetröpfelt hatte.
Dann wurde es völlig still.
Selbst Ricardos Schnarchen hatte aufgehört. Jan rieb sich die Ohren, um festzustellen, ob sie noch ihren Dienst taten. Unruhig wälzte er sich herum.
Seine Bilanz war ernüchternd. Eine teuflische Betrügerin hatte ihn hereingelegt, sie hatte ihn geblendet mit ihren Reizen. Er hatte etwas Besonderes, Einzigartiges in ihr gesehen – nein, er hatte es sehen wollen. Hatte sich ihr geöffnet, hatte ihr vertraut. Und seine Gefühle hatten ihm genau das vorgespielt, was er sich herbeiwünschte. Aber sie wollte nur eins: ihn bestehlen. Er fühlte sich benutzt und weggeworfen. Jetzt war er in einem gottverlassenen Bergdorf gestrandet, ohne einen Cent, bei einem alten Mann und stinkenden Ziegen. Warum war er nicht einfach umgekehrt, wieder nach Deutschland zurück? Am besten gleich nach dem Telefonat mit Hillmann. Dann wäre ihm das erspart geblieben. Dort war für ihn gesorgt, alles ging seinen gewohnten Gang. Er hatte einen Millionenvertrag bei einem der renommiertesten Vereine Deutschlands. Er würde wieder gut spielen. Sehr gut. Man würde ihm auf die Schulter klopfen. Nach den Spielen würde er vor den Kameras die erwarteten Antworten geben. Er würde seinen Job machen wie immer. Alle wären zufrieden. Und niemand würde etwas merken.
Er stellte sich die Rückkehr vor.
Training. Spiele. Öffentlichkeit.
Und der Schwindel.
Nichts regte sich.
Nur diese Schwere.
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