Sehnsucht Lago – Folge 21
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Im schwachen Licht erkannte er am Eingang des Stalls eine Silhouette. Er war zu überrascht, um etwas zu sagen oder zu tun. Die Person bewegte sich langsam auf ihn zu. Ihre Stirnlampe blendete ihn. Die Tiere machten Platz. Dann im Lichtkegel der Laterne, erkannte er, dass es eine junge Frau war. In Jeans, Steppweste, die dunklen Haare zurückgebunden. In den Händen eine Mistgabel – auf ihn gerichtet.
„Bitte lassen Sie mich erklären“, fand Jan endlich seine Sprache wieder.
„Ein Deutscher“, stellte sie abfällig fest. „Bleib, wo du bist.“
Sie fuchtelte mit der Mistgabel gefährlich nahe vor ihm herum.
„Was soll das?“, protestierte er rückwärts krabbelnd.
Sie trieb ihn wie ein Stück Vieh in den hinteren Teil des Stalls.
„Da hinein!“
Der kleine Verschlag war mit Brettern vom restlichen Teil abgetrennt. Sobald Jan drinnen war, verriegelte sie ihn.
„Bitte, lass uns doch reden.“
„Sei still, du rührst dich nicht!“
Die Ziegen blökten lautstark. Das Mädchen nahm Schemel und Eimer und begann zu melken, die Mistgabel in Griffweite. Bei ihr sah es aus wie die leichteste Sache der Welt. Zwischendurch blickte sie prüfend zu ihm.
Er fühlte sich gedemütigt. Sie hatte ihn überrumpelt, einfach so. Obwohl sie mindestens einen Kopf kleiner war als er und mit ihrer mädchenhaften Statur deutlich unterlegen. Und sie konnte melken – was ihm nicht gelungen war.
Als sie fertig war, griff sie ihre Waffe und wandte sich ihm zu.
„Was hast du hier zu suchen?“
„Das könnte ich dich genauso fragen“, gab Jan durch einen Spalt zwischen den Brettern zurück.
„Du bist ein Dieb, du vergehst dich an fremdem Eigentum. Ich hätte alles Recht, dich zu töten. Also?“
„Ich wollte die Ziegen melken …“
„Fremdes Eigentum, sag ich doch“, fuhr sie ihm dazwischen.
„Weil Ricardo nicht zurückkam. Ich sollte auf sie aufpassen.“
„Aufpassen, pah! So spricht der wahre Dieb.“
Dieses ignorante, kleine Biest! So langsam hatte er genug.
„Ich bin kein Dieb!“, schrie er und rüttelte an dem Verschlag.
„Dann beweise es“, sagte sie kalt.
Jan zwang sich wieder zur Ruhe.
„Das ist eine lange Geschichte.“
„Ich hab Zeit.“
Sie tat so, als würde sie es sich auf dem unbequemen Melkschemel bequem machen.
„Ich mach einfach nur Urlaub“, sagte er lustlos. „Ricardo las mich unterwegs auf. Ich wollte weder hierher, noch wollte ich bleiben. Heute Morgen fuhr Ricardo dann in die Stadt, um den Piaggio reparieren zu lassen.“
„Weiter.“
„Nichts weiter. Seitdem warte ich darauf, dass er zurückkommt.“
„Wo warst du vorher?“
„Warum?“
„Weil ich es wissen will.“
Auf keinen Fall wollte er verraten, dass er in Cannobio gewesen war. Zu leicht käme sie ihm dann auf die Fährte, mit dem Hotel und allem. Außerdem war das allein seine Sache.
„Ich kam aus Deutschland.“
„Du lügst! Ich hab dich in Cannobio gesehen.“
Sie stand auf und ging zur Stalltür.
„Du bleibst da drin, bis du die Wahrheit sagst. Oder bis die Polizei dich holen kommt.“
Jan war perplex. Polizei und Öffentlichkeit waren das Letzte, was er wollte. Er rief ihr nach: „Warte, du hast recht.“
Langsam, wie gelangweilt, kehrte sie von draußen zurück.
„Du kennst die Spielregel. Nur die Wahrheit.“ Dabei zeigte sie auf den Ausgang. „Und?“
„Ja, ich war in Cannobio.“
„Na also. Wie heißt du?“
„Jetzt reicht’s aber!“
„Dein Name.“ Sie deutete wieder auf die Tür.
Er wollte nur noch raus aus diesem absurden Theater.
„Jan.“
„Wie weiter?“
„Riedel.“
Er hoffte inständig, dass sie kein Fußballfan war.
„Jan Riedel“, wiederholte sie nachdenklich. Und machte eine lange Pause.
Sie schien den Namen irgendwo einzuordnen, aber nicht dort, wo er befürchtet hatte.
„Ich will dir glauben, aber ich behalt dich im Auge.“ Sie deutete mit zwei Fingern auf sich, dann auf ihn, entriegelte den Verschlag und wich ein paar Schritte zurück.
Was hatte er Besonderes gesagt, dass sie ihn auf einmal frei ließ? Seinen Namen? Kannte sie sich etwa doch mit Fußball aus? Oder wurde er schon gesucht? Wie auch immer – er war froh, aus dem engen Loch hervorkriechen zu können und wischte sich mit Stroh notdürftig sauber.
„Und mit wem habe ich das großartige Vergnügen?“ Er konnte sich den bissigen Ton nicht verkneifen.
„Emilia D’Angelo. Ricardo ist mein Großonkel.“ Dabei stocherte sie mit der Mistgabel in seine Richtung, um ihn auf Abstand zu halten.
„Versprich, dass du mich ab sofort damit in Frieden lässt“, sagte er die Mistgabel im Blick.
Sie kniff die Augen zusammen.
„Aber nur, solange du die Wahrheit sagst.“
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