Sehnsucht Lago – Folge 18

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Tag 4
Freitag

Die Drehtür spuckte Hillmann auf den Vorplatz der Bankzentrale. Das Gespräch hatte länger gedauert als erwartet. Das Handy klemmte bereits zwischen Schulter und Ohr.

„Ja, Dietmar. Ich melde mich, wenn es Neuigkeiten gibt.“

Er hörte zu, nickte, obwohl Schulz das nicht sehen konnte.

„Nein. Mehr gibt es im Augenblick nicht.“

Er beendete das Gespräch, ohne langsamer zu werden. Vor ihm schob sich der Strom der Passanten über die Ampel. Ein Fahrradfahrer klingelte sich den Weg frei. Hillmann überquerte die Straße und wählte eine Nummer.

„Stefan? Martin hier.“

Auf der anderen Seite blieb er vor einem Straßencafé stehen.

„Ich brauche einen kleinen Gefallen.“

Während er sprach, hob er zwei Finger. Wenig später stand vor ihm ein Espresso auf den Tresen.

„Nein, nichts Großes. Wenn euch jemand auf Riedel anspricht, dieselbe Linie wie der Verein: Rückschlag im Reha-Prozess. Mehr sagen wir nicht.“

Er hörte zu.

„Genau. Das beruhigt alle Seiten.“

Er legte auf, trank den Espresso in zwei Schlucken und verzog keine Miene, obwohl er jetzt merkte, dass er den Zucker vergessen hatte.

Schon das nächste Gespräch.

„Javier! Wie geht’s?“

Seine Stimme klang plötzlich wärmer.

„Nein, nein, alles bestens. Riedel? Lass dich von den Schlagzeilen nicht verrückt machen. Der Verein geht einfach auf Nummer sicher.“

Er lächelte.

„Natürlich halte ich dich auf dem Laufenden.“

Er steckte das Handy ein, ging weiter, zog es sofort wieder hervor.

„Kerstin? Martin Hillmann.“

Er bog in eine Nebenstraße ab.

„Falls heute noch Anfragen kommen: keine Stellungnahme. Der Verein kümmert sich. Mehr sagen wir nicht.“

Eine kurze Pause.

„Nein, auch nicht anonym.“

Er hörte ein leises Lachen.

„Genau deshalb.“

Eine E-Mail ploppte auf.

@janriedel_official

Es geht voran! Ich bin wieder im Trainingsrhythmus und arbeite Schritt für Schritt daran, bald wieder mit der Mannschaft auf dem Platz zu stehen. Danke für eure Geduld und euren Support.

Bis bald!

#comeback #janriedel #stepbystep 

Hillmann diktierte seine Antwort:

Noch ein neueres Foto vom Einzeltraining dazu. Dann passt das. 

Freigegeben!

Menschen hasteten mit Einkaufstaschen durch die Straßen. Ein Lieferwagen blockierte halb den Gehweg. Hillmann schlängelte sich daran vorbei, ohne den Schritt zu verlangsamen.

Das Handy vibrierte.

Dimitri.

„Ja?“

„Nichts Neues.“

„Ist er noch dort?“

„Er ist momentan nicht im Hotel. Vielleicht ausgegangen.“

Hillmann blieb stehen.

„Du weißt es nicht?“

Dimitri schwieg. Das war Antwort genug.

„Dann finde es heraus.“

„Verstanden.“

Hillmann steckte das Telefon ein und merkte, dass er vor einem Schaufenster stand. Sein Spiegelbild blickte ihm entgegen. Er strich das Sakko glatt. 

Nicht im Hotel. Das musste nichts bedeuten. Wahrscheinlich ein Spaziergang. Oder Essen gegangen. Jan würde sich melden. Dann kehrte alles wieder in seine Ordnung zurück. Bundesliga. Champions League. Verträge.

Er setzte seinen Weg fort.

Im Vorbeigehen zog er die Kalender-App auf. Zwei Termine für den Nachmittag. Ein Abendessen. 

Alles lief weiter.

So war das Geschäft.

Die Wirklichkeit gewann am Ende immer.

Update zu Jan

Ich hab gerade den neuen Post von Jan gesehen. Er schreibt, dass er Schritt für Schritt wieder ins Training zurückfindet. Irgendwie hat mich das beruhigt.
Klar, ich würde ihn am liebsten schon morgen wieder auf dem Platz sehen. Aber wenn er noch Zeit braucht, dann soll er sie sich nehmen. Ein paar Tage mehr machen jetzt auch nichts mehr aus.
Lieber richtig zurückkommen als zu früh.
Also warten wir weiter.
Aber ich kann es kaum erwarten, bis sein Name wieder durchs Stadion schallt.

Eure Jule

#comeback #niemalsallein #fürimmerjan

Kaffeeduft weckte Jan. Ricardo goss aus der Aluminiumkanne in eine Tasse ein und gab drei Löffel Zucker hinzu.

„Schlafe gut?“

„Das Gewitter war sehr heftig.“

„Si, Gewitta in Berge.“

Er rührte um und nahm einen kleinen Schluck.

„Musse in Stadt. Heute riparazione von Auto. Du bleibe mit Ziege. Sinde schon gemelkt. Bine zuruck bei Abend.“

„Aber …“

„Ziege lieb, null Problema.“

Ricardo trank seine Tasse aus, nahm den Rucksack und war auch schon verschwunden. Jan probierte den restlichen Kaffee. Er war wirklich nur mit viel Zucker genießbar. Dann ging er hinaus, durch das Dorf auf die Weide.

Die Ziegen sprangen unter Glöckchengeläut bereits frei herum. Der Gewitterregen hatte die Halme der Gräser mit funkelnden Perlen geschmückt. Dort, wo die Hufe die Halme berührten, kullerte der Perlenschmuck zu Boden. Der Bach gluckerte energisch, so als hätte er eine Menge Wichtiges zu erzählen. Weit oben am Himmel segelte ein großer Vogel – ein Adler? In der klaren Luft konnte Jan die einzelnen Federn an den ausgestreckten Flügeln unterscheiden. 

Das Leben erhob sich so frisch und unbekümmert, dass Jan die vergangene Nacht wie ein böser Traum vorkam. Er ging zurück zum Haus, um etwas zu essen und den Schlaf nachzuholen.


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