Sehnsucht Lago – Folge 16
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An der Hauptstraße streckte Jan den vorbeifahrenden Autos den Daumen hin. Es dauerte nicht lange, da hielt ein roter, verbeulter Piaggio-Pritschenwagen. Aus dem Seitenfenster winkte eine Hand, einzusteigen. Er quetschte sich auf die abgewetzte Sitzbank, die Tasche auf den Beinen.
„Buon giorno. Danke, dass Sie mich mitnehmen.“
Der hagere Alte mit grauem Bart nickte ihm zu, blickte in den Außenspiegel und setzte den Blinker. Mit einem Ruck zockelte das Gefährt los. Der Mann hatte nicht einmal gefragt, wohin er wollte. Sie sprachen nichts. Das war ihm recht.
Das Gefährt schleppte sie ein Tal hinauf. Weit unten schimmerte das Wasser eines Flusses. An mancher Kehre wurde es so steil, dass Jan den Eindruck hatte, die Schwerkraft würde jeden Augenblick die Motorleistung übertreffen und sie müssten wieder talabwärts rollen. Das Fahrzeug gab ein erbarmungswürdiges Jammern von sich, erwies sich aber zäher als gedacht.
Schon geraume Zeit war kein anderes Auto mehr hupend an ihnen vorbeigezogen. Dafür hatte die Anzahl der Schlaglöcher zugenommen, sodass der restliche Asphalt wie ein Netz aus schmalen Stegen erschien. Sie waren mehrmals auf immer kleinere Straßen abgebogen, als die Fahrt abrupt in einem bewaldeten Berghang endete. Der Alte schaltete den Motor ab und stieg aus. Jan folgte ihm nach hinten an die Ladefläche, wo dieser bereits einen mächtigen Rucksack schulterte und auf den Karton deutete. Wortlos ging er los, verschwand auf einem Pfad zwischen Büschen und Bäumen. Jan hängte sich seine Tasche um, wuchtete den Karton auf die Bordwand. Was war darin so schwer? Mit beiden Armen konnte er den Karton gerade eben umgreifen und presste ihn an seinen Oberkörper.
Es ging in ein schattiges Tal hinunter, wo in der Tiefe ein Flüsschen rauschte. Nach einer Biegung sah er den Alten wieder. Er lief soeben über eine moosbewachsene Steinbrücke. Jan beschleunigte, um zu ihm aufzuschließen, und wäre mit seiner Fracht beinahe in den Abgrund gestolpert.
Nach der Brücke führte eine Treppe aus grob behauenen Felsbrocken nach oben. Ein verwitterter Wegweiser trugt die Aufschrift „Montefiori“. Soweit Jan zwischen den Bäumen den gewaltigen Hang hinaufschauen konnte, nahm die Treppe kein Ende. Auf den Stufen wurden seine Schritte langsamer. Schweiß brannte in den Augen. Bald war sein Hemd nass, so als wäre er tatsächlich in den Fluss gefallen. Obwohl er sich gut trainiert fühlte, überraschte ihn, wie anstrengend dieser Aufstieg mit dem Karton war. Endlich endete die Treppe und der Wald lichtete sich. Die kleine Ansiedlung auf der Wiesenfläche wurde im Hintergrund von felsigen Bergen überragt.
Als er sich den Häusern näherte, erkannte er die Misere. Die meisten Dächer waren eingestürzt, feuerschwarze Fensternischen gähnten leer. Aus den Mauerritzen wucherten allerlei Pflanzen, manche schon zu Bäumen herangewachsen. Unschlüssig hielt er an.
„Wo bleibe? Komme hier!“
Der Alte.
Jan stapfte auf dem ausgetretenen Pflaster zu ihm hinauf, übergab die Ladung und schüttelte die Arme aus. Sie waren angekommen. Durch eine niedrige Tür ging es in ein Häuschen, das nur aus einem Raum bestand. Die Mitte nahm der Herd ein, an der Rückwand stand ein Bett, links vom Eingang ein verfleckter Holztisch mit Bank und zwei Stühlen. Die Wände hingen voller Töpfe, Pfannen, Petroleumlampen und unzähliger weiterer Utensilien, deren Zweck er nicht kannte. An einem Seil, das an den Dachbalken befestigt war, schaukelten ein paar Kleidungsstücke.
Jan ließ sich auf den ersten Stuhl fallen. Unterdessen holte der Alte aus dem Karton jede Menge Päckchen und Dosen hervor – Mehl, Gries, Zucker, passierte Tomaten, einen Kanister Olivenöl. Nachdem alles verräumt war, schenkte er Rotwein in zwei Gläser ein und schob eines herüber.
„Salute, amico!“
Der Alte trank in einem Zug aus und Jan tat es ihm gleich. Der Wein schmeckte etwas derb, war aber durchaus trinkbar.
„Bine Ricardo, und du?“
Jan nannte seinen Vornamen.
Der Alte musterte ihn streng mit den schwarzen Äuglein. Dann verzog er sein faltiges, olivfarbiges Gesicht zu einem breiten Grinsen, so dass seine Zahnruine den Tag grüßte.
„Du mache Urlaub?“
Jan bejahte es und wechselte umgehend das Thema: „Sie sprechen gut Deutsch.“
„Ware in Germania, Francoforte. Kenne Francoforte? Arbeit in Ristorante. Abe lange wieda zurucke. Bine schon alt. Wolle ruhe aus ein bisschen?“
Er zeigte auf die Holzbank, zog ein Kissen aus der Truhe und reichte es ihm. Er selbst legte sich auf das Bett.
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