Sehnsucht Lago – Folge 20

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Sanft strich eine Brise über die Hügel des exklusiven Golfclubs, irgendwo zwischen Stadtgrenze und Niemandsland. Die Sonne des Spätnachmittags warf lange Schatten auf das makellos gestutzte Grün. Am äußersten Ende zog brummend ein Rasentraktor seine Spur. Es roch nach frischem Gras und gepflegtem Reichtum. 

Alles schien im Lot. Hillmann nicht.

Wie üblich traf er sich mit zwei alten Weggefährten aus dem Sportbusiness: Krüger, ein inzwischen halb pensionierter Spielervermittler mit Hang zum Whiskey. Und Leitner, ein eloquenter Anwalt mit zu weißem Lächeln und der Eigenart, jeden zweiten Satz mit „Nehmen wir mal an“ zu beginnen. Beide liebten Golf. Und Gerüchte. Beides war für Hillmann nützlich.

Hillmann überprüfte zum x-ten Mal sein Handy. Voller Empfang, Klingelton an. Er wischte den Sperrbildschirm weg. Hoffte auf eine veränderte Anzeige. Aber es war wie zuvor. Nichts. Weshalb meldete sich Jan nicht? 

„Hillmann, du bist dran. Oder überlegst du, ob du den Ball lieber managen willst?“ rief Krüger und lachte kehlig.

Hillmann legte sich den Ball zurecht, trat an, schlug – und verzog. Der Ball flog wie ein verfehlter Gedanke ins Rough.

„Na, das war jetzt eher Regionalliga“, höhnte Leitner.

Hillmann wiegte den Kopf, zwang sich zu einem Lächeln. Er dachte weiter nach. Dimitri hatte schon heiklere Fälle gelöst. Auf ihn war Verlass. Doch Jan – kein Lebenszeichen. Ohne Geld, ohne Papiere. Und trotzdem kein Anruf, keine Nachricht. Nichts. 

Er griff wieder zum Handy. Nur um sicherzugehen.

Nach der Runde saßen sie auf der Sonnenterrasse des Golfclubs. Die Tische standen in dezentem Abstand. Große quadratische Schirme dämpften das Licht. Sanft klapperte Besteck, es roch nach ausgefallenen Gewürzen. Hillmann schenkte den kalten Sauvignon Blanc ein und stellte die Flasche zurück in den Kühler. Die Kristallgläser beschlugen. Sie stießen an – ein fürstlicher Klang.

„Auf den Champion der Regionalliga!“, rief Leitner aus.

Krüger stimmte in dessen hämisches Lachen ein: „Immerhin das. Und deshalb darfst du heute unsere Rechnung begleichen.“

„Macht euch nur lustig“, sagte Hillmann und setzte ein gelassenes Gesicht auf. „Das nächste Mal seid ihr wieder fällig. Und ihr wisst ja: Wer zuletzt lacht …“

Da klingelte es.

Endlich. Das musste Jan sein.

Krüger und Leitner blickten auf, halb interessiert, halb amüsiert. Hillmanns Miene professionell. Er schnappte sich das Handy, erhob sich mit einer knappen Geste und entfernte sich zügig ein paar Schritte – raus aus der Reichweite neugieriger Ohren. Der Finger war schon fast am grünen Button, da stockte er.

Schon wieder Schulz.

Ärgerlich wischte er den Anruf weg und ging wieder an den Tisch. Da ertönte das Pling einer Textnachricht. Von Schulz. Er überflog den Text:

Was ist los? Riedel wieder da? Ruf mich umgehend an.

Schulz musste warten. Es gab keine Neuigkeiten. Weder von Jan noch von Dimitri.

Keine Neuigkeiten. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihm aus, wie Tinte in einem Wasserglas. Hatte sein Plan etwa nicht funktioniert? Unmöglich. Und wenn doch nicht? Schulz saß ihm im Nacken. Die Öffentlichkeit. Jeder verstrichene Tag, jede Stunde trübte Jans Image weiter. Durch Verunsicherung und Mutmaßungen. Er konnte nicht länger abwarten. Er brauchte Gewissheit. Sofort.

Er stand wortlos wieder auf, lief ein Stück, spürte hinter sich die fragenden Blicke seiner beiden Kollegen. An der Driving Range war es momentan ruhig. Er stellte sich unter das Vordach und wählte die Nummer aus der Anrufliste. 

„Buon giorno, Hotel Marino, parla Alessandro, come posso aiutarla?“

„Guten Tag, sprechen Sie Deutsch?“

„Selbstverständlich. Was kann ich für Sie tun?“

„Können Sie mich mit Jan Riedel verbinden?“

„Jan Riedel? Einen Moment bitte, ich sehe nach.“

Er hörte das Klappern der Computertastatur.

„Tut mir leid. Einen Herrn Riedel gibt es bei uns nicht. Kann ich sonst etwas für Sie tun?“

Die Antwort irritierte Hillmann. Aber nur einen Augenblick. 

„Entschuldigen Sie, ich habe mich mit dem Namen vertan. Es ist ein junger Mann aus Deutschland, 22, allein unterwegs, auffallend sportlich, groß. Ich muss ihn dringend sprechen.“

„Einen jungen Mann? Haben wir nicht so oft, das muss Herr Müller sein. Warten Sie, ich schaue, ob er erreichbar ist.“

Hillmann lief nervös auf und ab. 

„Leider nein.“ 

„Können Sie ihm eine Nachricht übermitteln? Er soll umgehend Martin Hillmann anrufen. Unter dieser Nummer. Sie sehen sie am Display?“

„Ja. Mache ich gerne.“

Jan war also noch dort. Aber die Zeit lief. 

Er schrieb eine Textnachricht an Schulz.

Jan braucht noch ein wenig Zeit – nicht mehr lange. Ich melde mich. 

Martin


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