Sehnsucht Lago – Folge 23
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Emilia feuerte den Herd an und schüttete die Milch in einen großen Topf.
„Wie kommt es eigentlich, dass du so gut Deutsch sprichst?“, fragte Jan.
Sie atmete geräuschvoll aus.
„Ich wuchs in Hildesheim auf, wo wir eine Pizzeria hatten. Vor drei Jahren erklärte mein Vater uns, dass wir an den Lago Maggiore ziehen würden, um das Restaurant eines Cousins zu übernehmen. Eine einmalige Gelegenheit, sagte er. Du kannst dir vorstellen, dass ich darüber nicht erfreut war. Ich hatte dort Freunde und fühlte mich wohl.“
Sie hielt inne.
„Aber die Familie geht vor.“
„Und was machst du jetzt?“
Sie rührte gleichmäßig den Topf um.
„Bedienen, in der Küche helfen, putzen. Auf kleine Geschwister aufpassen …Was eben so anfällt. Im Familienbetrieb wird jeder gebraucht. Die ganze Woche, von morgens bis nachts. Das hier“, sie machte eine unbestimmte Handbewegung in die Runde, „ist wie Urlaub für mich. Und du? Du machst Urlaub am Lago – von was eigentlich?“
Sie zog den Topf zur Seite. Etwas vom Inhalt schwappte auf die heiße Herdplatte.
„Mist“, rief sie, nahm ein großes Messer aus der Schublade und kratzte die verschmorende Masse ab. Ein bitterer, säuerlicher Geruch wie angebranntes Käsefondue verbreitete sich im Raum.
Jan tat, als hätte er ihre Frage nicht mitbekommen.
„Weshalb lebt Ricardo in diesem abgeschiedenen Haus?“
Emilia ließ aus einer Flasche etwas Flüssigkeit in den Topf tropfen.
„Es gehörte seinen Großeltern. Er liebt diesen Ort.“
„Aber er ist der einzige, der hier wohnt. Alle anderen Häuser stehen leer.“
„Montefiori hat keine Zufahrtsstraße, nur diesen Steig. Heutzutage will sich das keiner mehr antun.“
Dann deckte sie den Topf mit einem Tuch ab.
„Das war’s fürs Erste“, sagte sie zufrieden und setzte sich wieder zu ihm an den Tisch.
„Was wird das?“, fragte er.
„Das wird der beste Ziegenkäse der Welt. Von dem du übrigens gerade isst.“
„Käse? Wie hast du das gelernt?“
„Ricardo hat mir alles gezeigt. Außerdem macht es mir Spaß. Vielleicht ziehe ich irgendwann hierher.“
„Würde dir nicht etwas fehlen?“
„Was sollte mir fehlen?“
„Familie, Freunde, das ganze Leben am See.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Wenn mir danach wäre, könnte ich jederzeit hinunter.“
Er versuchte sich vorzustellen, wie das wäre, in diesem zerfallenen, einsamen Bergdorf zu leben. Sich von dem Wenigen zu ernähren, was die Ziegen hergaben und was man vielleicht im Wald sammelte. Das Übrige musste man mühsam heraufschleppen. Den Launen der Natur ausgeliefert. Kaltes Wasser draußen am Brunnen.
„Zu dem Haus gehört noch eine Sommeralpe. Ricardo hat die Hütte wieder aufgebaut. Er hat mir erzählt, wie schön es da oben ist. Aber ich war noch nicht dort.“
Plötzlich strahlte ihr Gesicht voller Begeisterung.
„Hey, wir könnten morgen hinauf gehen. Hättest du Lust?“
„Ich bin nicht so der Wanderer“, druckste er.
„Komm schon, du bist doch noch kein alter Mann.“
Das saß.
„Jetzt müsste es soweit sein.“
Emilia stand auf und deckte den Topf ab. Jan trat neben sie, um besser zusehen zu können. Behutsam schnitt sie die gestockte Milch in Stücke, streute Salz darüber, legte ein Tuch über ein Sieb und hängte es in eine Schüssel. Dann kippte sie die Masse hinein, schlug die Enden des Tuches übereinander und drückte die überschüssige Flüssigkeit heraus. Schließlich füllte sie die Käsemasse in eine Form und beschwerte den Deckel mit einem großen Stein.
Jan hatte so etwas noch nie gesehen. Emilias Bewegungen wirkten so sicher, als hätte sie das ihr Leben lang getan. Und kurzzeitig kam es ihm vor, als gehöre sie schon immer hierher.
Es war spät geworden. Er bereitete sich den Schlafplatz auf der Holzbank. Emilia löschte das Licht, zog sich um und schlüpfte ins Bett.
„Ich hoffe, du schnarchst nicht so laut wie Ricardo“, kam es aus ihrer Richtung.
„Keine Ahnung, ich höre mir beim Schlafen nicht zu. Und du?“
„Kann schon sein, aber mich hat mein Schnarchen noch nie gestört.“
Fast war er eingeschlafen, da holte sie ihn aus der Zwischenwelt zurück.
„Du hast mir noch gar nichts von dir erzählt. Wo bist du zu Hause? Was arbeitest du? Hast du eine eigene Wohnung? Wie viele Geschwister hast du? Hast du eine Freundin?“
Die Fragen kamen Schuss auf Schuss.
„Können wir das auf morgen verschieben?“
„Wir schlafen zusammen im selben Raum. Meinst du nicht, ich habe ein Recht darauf, zu erfahren, mit wem ich da schlafe?“, erwiderte sie ohne den Hauch von Müdigkeit.
„Ich werde dir nichts antun, meinst du das?“
„Schwöre es!“
„Ich schwöre, dass ich dir nichts antun werde“, sagte er feierlich und rollte sich auf die andere Seite.
„Und jetzt zu meinen Fragen.“
Er wälzte sich wieder herum. Durch das Dunkel war sie nicht zu erkennen.
„Können wir uns darauf einigen, dass ich eine Frage beantworte und die anderen dann morgen?“
„Drei.“
„Eine.“
„Zwei.“
„Gut, zwei. Aber ich entscheide, welche.“
„Bin gespannt.“
„Ich habe eine eigene Wohnung. Eine Freundin habe ich nicht.“
„Was sind deine Hobbys?“
„Wir hatten zwei Fragen ausgemacht.“
„Das ist unfair, das war ja fast gar nichts.“
„Bitte, lass uns morgen weiterreden, ich bin todmüde.“
„Aber morgen musst du mir alles erzählen. Und noch mehr. Versprich es.“
Sie würde nicht eher aufhören, bis sie ihren Willen hatte. Also brummte er widerwillig seine Zustimmung und zog die Decke über den Kopf. Sie war eindeutig verrückt.
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