Sehnsucht Lago – Folge 24
▹ Den Roman von Anfang an lesen
▹ Alle bisherigen Folgen

Tag 5
Samstag
Er wurde von Emilias Stimme geweckt.
„Aufstehen, du Faulpelz!“
In der Stube war es noch dunkel. Emilia machte sich bereits am Herd zu schaffen.
„Trinkst du Kaffee?“, fragte sie und sprach ohne seine Antwort abzuwarten weiter. „Wir nehmen uns Proviant mit. Das bisschen Brot haben wir gestern Abend aufgegessen. Ich wusste ja nicht, dass ein Gast verpflegt werden muss. Lass mal sehen. Ich habe noch zwei Äpfel, Schokolade, hier ist noch etwas Salami. Käse haben wir genug. Das sollte reichen.“
Sie breitete alles auf dem Tisch aus. Ihre Energie so früh am Morgen faszinierte ihn.
„Und Wasser brauchen wir.“
Sie warf ihm Hose und Hemd an den Kopf, die er ordentlich über die Stuhllehne gehängt hatte.
„Was soll das?“
„Aufstehen“, lachte sie in bester Laune. „Wir müssen zuerst die Ziegen melken.“
Die Holzbank hatte sich wieder als miserables Bett erwiesen. Aber die kühle Morgenluft wusch Jan schnell die Müdigkeit aus den nachtsteifen Knochen. Vögel flogen hohe Bögen in den klaren Himmel und pfiffen fröhlich durcheinander. Die Sonne blinzelte gerade über den Bergkamm, als sie den Ziegenstall erreichten.
„Soll ich dir zeigen, wie man es macht?“
Jan rieb sich den Nacken.
„Du setzt dich auf den Schemel und massierst das Euter der Ziege mit beiden Händen – siehst du, so.“
Dann klopfte sie ein paar Mal von unten an das Euter.
„Erst jetzt legst du Zeigefinger und Daumen wie einen Ring fest um den Ansatz der Zitze. Die übrigen Finger schließen sich. Und voila!“
Sofort spritzte die Milch in einem feinen Strahl hervor.
„Den ersten Teil nimmt man nicht. Das ist wie die Spülung bei einer Kaffeemaschine. Und jetzt bist du dran.“
Unsicher übernahm er Emilias Platz. Wie sie es gezeigt hatte, massierte er das Euter.
„Als höflicher Mensch solltest du jetzt anklopfen.“
Er spürte, wie Emilia sich amüsierte, folgte aber ihren Anweisungen. Mit Daumen und Zeigefinger griff er die Zitze und drückte mit den anderen Fingern zu, genau wie sie es getan hatte. Doch es tat sich nichts.
„Nicht so schüchtern. Die Ziege merkt deine Unsicherheit und verkrampft. Mach die Augen zu, das hilft.“
Was blieb ihm anderes übrig?
„Denk nicht so viel! Fühle“, ermahnte ihn Emilia.
Jan spürte die weiche Haut, die Körperwärme, den Herzschlag der Ziege. Nach einer Weile hatte er den Eindruck, dass die Ziege ruhiger wurde. Und er selbst auch. Als er dann die Melkbewegung ausführte, hörte er ein Geräusch – das Geräusch des Milchstrahls, der in den Eimer traf. Dann ein zweiter. Und ein dritter. ‚Gefuhle zu Ziege‘, hatte Ricardo gesagt. Jetzt war ihm klar, was er gemeint hatte.
„Du hast es raus!“, jubelte Emilia. Sie legte die Hand auf seine Schulter und sagte feierlich: „Hiermit ernenne ich dich zum Ersten Hilfsmelker.“
Er öffnete die Augen und seine Mundwinkel zogen sich weit nach oben. Obwohl es nur ein Spaßtitel war, machte es ihn irgendwie stolz: Er war Erster Hilfsmelker.
Emilia sprang auf dem schmalen Bergpfad voraus, demselben Pfad, den Jan gestern allein gegangen war. Bei den Felsen hielt sie an, breitete begeistert die Arme aus und drehte sich im Kreis, als wollte sie das Dörfchen, die Wälder und die Berge umarmen.
„Ist das nicht wunderschön?“, jauchzte sie.
Und Jan bemerkte ihre hübschen Grübchen, die wie ein Thermometer ihre Stimmung anzeigten.
Als er in die Runde schaute, war alles wie verwandelt. Gestern hatte er sich als ungeladener Gast gefühlt, fremd und ausgeschlossen. Doch heute schien ihm die Landschaft zuzuzwinkern: Komm, feiere mit. Und das lag an Emilia. Ihre ansteckende Lebensfreude nahm ihn einfach mit hinein. Sie war völlig anders, als die Menschen, die er kannte.
Lange Zeit stiegen sie immer weiter hinauf und er gab sich der gleichmäßigen Bewegung hin. Dann verlor sich der Weg im Geröll. Emilia faltete eine abgenutzte Karte auseinander, suchte ihre Position und wies mit dem Finger auf einen Durchbruch zwischen zwei Bergwänden.
„So hat es Ricardo beschrieben, da müssen wir hoch.“
Jan blickte zur Felsspalte. Für ihn sah das eher wie das Ende des Weges aus. Emilia stieg schnell und geschickt voran, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Jan beobachtete genau, wohin sie die Füße setzte und wie sie sich an Felsen hochzog, und folgte ihr. Sein Körper genoss die Anstrengung, und überrascht stellte er nach einer Weile fest, wie schnell sie an Höhe gewannen. Weiter oben wurde das Terrain flacher. Der Pfad verlor sich zwischen den Bergföhren. Endlich öffnete sich eine weite, hügelige Almwiese.
„Irgendwo da vorne muss die Hütte sein.“
„Wie bringt man Tiere hier herauf?“, fragte Jan ungläubig.
„Es gibt einen anderen Weg, der führt allerdings weit außen herum. Da hätten wir den halben Tag gebraucht und so dauert es nur zwei Stunden.“
Locker liefen sie über die weichen Matten, die mit dem strohgelben Gras des Vorjahrs bedeckt waren. Trotz der Höhe, die sie erreicht hatten, war es ungewöhnlich warm.
„Du schuldest mir noch etwas.“
„Was meinst du?“
„Antworten.“
Er hatte gehofft, sie hätte es vergessen.
„Fangen wir ganz leicht an. Weshalb hast du dir den Lago Maggiore für deinen Urlaub ausgesucht?“
Leicht war etwas anderes.
„Du wirst mich auslachen.“
„Mach es nicht so spannend. Jetzt sag!“
„Ich habe einen Artikel über den Lago gelesen und die Bilder haben mich fasziniert. Azurblauer Himmel, türkisfarbenes Wasser, exotische Gärten. Das hat mich hergezogen.“
Unwillkürlich fasste er sich an die Jacke. Die Blätter steckten noch in der Innentasche.
„Das klingt schön. Nächste Frage. Hast du Geschwister?“
„Nein.“
„Das ist schade. Geschwister können manchmal lästig sein, aber alles in allem möchte ich meine nicht missen. Hättest du gerne welche?“
Jan zuckte unschlüssig mit den Schultern. Er hatte noch nie darüber nachgedacht.
„Und deine Eltern?“
„Getrennt. Ich hab kaum noch Kontakt.“
Er bekam das Gefühl, dass ihm etwas fehlte. Etwas, von dem Emilia wie selbstverständlich sprach.
Sie erklommen einen großen Grashügel. Unterhalb, in einer geschützten Senke duckte sich die wettergraue Hütte. Emilia rannte los und kam als erste an. Ihr Rütteln an der Tür half nichts. Sie blieb verschlossen. Während Jan versuchte, einen der Fensterläden aufzudrücken, drehte Emilia jeden Stein in Türnähe um. Plötzlich streckte sie triumphierend einen rostigen Schlüssel in die Höhe.
Die Hütte roch muffig und war spärlich ausgestattet: ein Tisch, zwei Stühle, ein kleiner, gusseiserner Ofen und ein Bettgestell ohne Matratze. Eine graubraune Staubschicht überzog Boden und Mobiliar. Augenscheinlich waren sie seit längerer Zeit die ersten Besucher. Sie stellten die Stühle nach draußen in die Sonne.
„Ich habe riesigen Hunger. Mal sehen, was wir haben“, sagte Emilia.
„Das Gleiche wie beim Einpacken.“
„Willst du mir die Freude verderben? Auspacken ist doch das Schönste!“
Schweigend aßen sie. Er genoss die Stille und den grandiosen Ausblick über das Bergpanorama, das in der Ferne mit dem Himmel verschmolz.
„Nächste Frage. Was arbeitest du?“
Die Stille war dahin.
„Ich mach eine Auszeit.“
„Von was?“
„Können wir von was anderem reden?“
„Ich werde raten.“
Sie musterte ihn eingehend.
„Wie ein Banker siehst du nicht aus. Zeig deine Hände. Nein, ein Handwerker bist du auch nicht. Und für einen Verkäufer bist du zu naiv.“
Er wusste nicht, ob er das als Beleidigung auffassen sollte.
„Naiv?“
„Du kannst nicht lügen. Ich merke es, wenn du nicht die Wahrheit sagst. Und das ist ganz schlecht für einen Verkäufer.“
Als sie sein entgeistertes Gesicht sah, lachte sie los,
„Was ist daran so lustig?“
„Eigentlich nichts. Aber wenn es nicht so wäre, hätte ich gestern die Polizei alarmiert.“ Sie setzte eine leidvolle Miene auf. „Und du würdest jetzt in einer feuchten, dunklen Gefängniszelle bei Wasser und Brot darben und deinen Prozess herbeisehnen, den du aber leider nicht erleben würdest, denn die italienischen Behörden arbeiten sehr, sehr sorgfältig.“
„Informatiker“, warf er schnell ein.
„Oje.“ Sie kniff die Augen zusammen. „Du kannst mich nicht belügen.“
„Emilia, ich will einfach nicht darüber reden.“
Er hatte so langsam genug von diesem Frage-und-Antwort-Spiel.
„Das muss ja eine ganz schreckliche Arbeit sein.“
Sie sah ihn durchdringend an.
Jan seufzte.
„Nein, warte! Ich hab’s! Du bist ein gesuchter Spion, der sich in einem entlegenen Gebirgstal des Lago Maggiores versteckt.“
Selbstzufrieden verschränkte sie die Arme.
„Lass das Thema einfach, okay?“
Er stand auf und stapfte den Hügel hinauf. Den Weg zurück.
Emilia nervte. Was sollte dieses ganze Ausfragen? Er hatte die Zeit mit ihr genossen. Ohne große Vorgeschichten. Nur Emilia. Nur Jan. Es hatte sich so leicht angefühlt. Aber die Antworten würden alles verändern.
+++
Wie geht Jans Geschichte weiter?
Bleibe per E-Mail auf dem Laufenden. Kostenlos.