Sehnsucht Lago – Folge 26
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Ohne dass Jan darauf geachtet hatte, war er schon ein ganzes Stück marschiert. Er wandte sich um. In einiger Entfernung folgte Emilia. Der Wind hatte aufgefrischt. Von Westen her zogen Wolken auf, die sich in wildem Tanz immer höher schichteten. Sie überzogen die Berglandschaft mit ihrem schwarzgrauen Fell und trieben den sonnigen Tag vor sich her. In der Ferne grollte der Donner.
Außer Atem holte Emilia ihn ein und deutete auf den Himmel. Sie rannten los, durch die Föhren, die ihnen ins Gesicht schnalzten. Jan blickte immer wieder zurück. Das Unwetter klebte ihnen an den Fersen. Sie erreichten den Felsabschnitt, etwas weiter unten erwartete sie die Kletterpartie. Regentropfen fielen als dunkle Flecken auf das aufgeheizte Gestein und verschwanden gleich wieder, wie Wasserflecken auf einer Serviette. Aber es wurden schnell mehr, sie hielten sich und bildeten chaotische Muster. Das Vorgeplänkel. Er erinnerte sich an das Gewitter von vorgestriger Nacht. Doch diesmal gab es kein Dach über dem Kopf.
Plötzlich, wie auf ein heimliches Zeichen hin, brachen die Gewalten los. Sturmböen peitschten ihnen das kalte Wasser in Augen und Ohren. Rinnsale quollen zu Bächen, die abwärts stürzten. Jacke, Hose, Schuhe waren nach kurzer Zeit durchnässt. Sie sahen nur noch wenige Meter weit. Es dröhnte und brauste von allen Seiten. Jeder Tritt wurde zu einem Tasten.
Da rutschte er aus. Schlitterte rücklings einen steilen Abhang hinunter. Mit Fersen und Händen suchte er im Geröll Halt – ein Stück festen Fels, einen Ast. Doch er wurde immer schneller. Ein kleines Grasbüschel, in das er sich krallte, riss aus.
Dann tauchte die Felskante auf.
Dahinter der Abgrund.
In seinem Kopf war nichts als dieses schwarze Loch. Panik schoss ihm bis in die Fingerspitzen. Er warf sich mit aller Kraft auf die Seite, bekam das Bäumchen zu fassen, das aus einem Felsspalt ragte. Ein heftiger Ruck fuhr durch seinen Arm. Die Abwärtsfahrt war gestoppt.
Er hing da und wagte nicht, sich zu bewegen oder zu atmen. Sein Herz schlug so heftig, dass ihm übel wurde. Die Finger verkrampften sich um den dünnen Stamm. Erst als er begriff, dass er nicht weiter abrutschte, holte er keuchend Luft.
Unweit schlug ein Blitz mit pfeifendem Knall ein. Jan zuckte zusammen. Er zog sich vom Abgrund weg und kroch hastig auf allen Vieren den Steilhang hinauf. Nur fort von der Kante. Er spürte, dass die Hände und Unterarme blutig geschürft waren. Sein Rücken schmerzte. Er ignorierte es. Endlich kam er oben an.
Emilia war nicht mehr da.
„Emilia!“
Das Tosen verschluckte seine Stimme. Er rief noch einmal, lauter, bis sein Hals schmerzte. Keine Antwort. Eine neue Angst ergriff ihn, schlimmer als die am Abgrund. War sie ebenfalls abgestürzt? Lag sie irgendwo dort unten, wo er sie niemals finden konnte?
Er suchte an den Felsen entlang. Es roch versengt, so wie wenn man Steine aneinanderschlug. Unentwegt musste er sich das Wasser aus den Augen wischen. Er stolperte, fing sich wieder, rief erneut ihren Namen.
Dann erstarrte er.
Da war ein Bein.
Fast wäre er darüber gestolpert. Emilia lag in seltsamer Stellung hinter einem großen Felsblock. Sein Magen zog sich zusammen. Er kniete sich schnell neben sie, rüttelte an ihren Schultern, schrie ihren Namen.
Keine Reaktion.
Er konnte keine Verletzungen entdecken. Mit zitternden Fingern tastete er nach ihrem Puls. Zuerst fühlte er nichts. Er setzte die Finger neu an, drückte fester. Da – ein schwaches Pochen. Oder bildete er es sich nur ein? Er hielt den Atem an. Wieder dieses Pochen.
Sie lebte.
Die Erleichterung hielt kaum einen Herzschlag lang. Was, wenn sie nicht mehr aufwachte? Was, wenn ihr Herz plötzlich stehen blieb? Er hatte keine Ahnung, was er tun sollte.
Das Gewitter wütete immer weiter. Beim nächsten Blitz zählte er zwei Sekunden bis zum Donner. Er nahm Emilia auf seine Arme, fand sie leichter als gedacht. Ihr Kopf sank kraftlos gegen seine Brust. Er wandte sich in die Richtung, wo er den Weg vermutete. Aber wie sollte er mit Emilia absteigen? Seitlich im Fels entdeckte er einen Überhang. Dorthin brachte er sie. Er legte den Rucksack unter ihren Kopf. Das Haar klebte in Strähnen im bleichen Gesicht. Er setzte sich vor sie, um sie abzuschirmen, prüfte wieder ihren Puls. Noch da. Schwach, aber regelmäßig. Er ließ die Finger dort, als könnte er sie damit am Leben halten.
Es kam ihm in den Sinn, was man ihnen in der Schule erzählt hatte: Die Wahrscheinlichkeit, von einem Blitz getroffen zu werden, sei so gering wie die eines Lotteriegewinns. Das galt in den Bergen offenbar nicht. Und je nach Entfernung zum direkten Einschlag würden die Überlebenschancen steigen. Aber konnte man sich das etwa aussuchen? Besser, der Lehrer hätte ihnen beigebracht, wie man damit umging. Er versuchte, sich an den Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein zu erinnern. Stabile Seitenlage. Herzdruckmassage. Mund-zu-Mund-Beatmung. Nur ein Durcheinander aus Bildern und halben Sätzen.
Er zählte zwölf Sekunden zwischen Blitz und Donner. Es goss wie aus einer riesigen Dusche. Das Wasser kam von überall, schoss von den Felsen, schwemmte über den Boden. Der Überhang bot keinen Schutz mehr. Es war, als wären sie beide schon Teil der Wassermassen. Jan fror. Er beobachtete Emilias Oberkörper. Hob er sich noch? Oder bewegte nur eine Böe die Jacke?
Da öffnete Emilia die Augen und sah ihn unverwandt an.
„Emilia!“ Seine Stimme brach. „Wie geht’s dir?“
„Schwummerig“, sagte sie schwach.
„Es wird alles gut, ich bring dich zurück.“
„Ich hab dich nicht mehr gesehen.“
Er beugte sich zu ihr, um sie besser zu verstehen.
„Ich hab nach dir gerufen. Dann war dieser laute Knall“, murmelte sie.
„Du musst zu einem Arzt.“
Emilia setzte sich mühsam auf. „Es geht gleich. Lass mir nur etwas Zeit.“
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