Sehnsucht Lago – Folge 25

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DER CLUB TAUMELT – UND JAN RIEDEL FEHLT

Vorbericht zum Heimspiel gegen den HSV

Heute Nachmittag rollt in der Arena an der Breiten Allee wieder der Ball. Doch beim Club herrscht eher Tristesse als Aufbruchsstimmung. Gegner ist der Hamburger SV und in normalen Zeiten wäre das ein Pflichtsieg, gegebenenfalls mit Schönheitsfehlern. Doch aktuell ist die Truppe von Trainer Claus Drechsler nur noch ein Schatten ihrer selbst: unorganisiert, ideenlos, verunsichert.

Drechsler, dem ohnehin schon der Rückhalt der Fans fehlt, gelingt es immer weniger, die Mannschaft zu einer Einheit zu formen. Das 0:0 der Vorwoche wurde bereits als „positives Signal“ verkauft – Ausdruck blanker Selbsttäuschung oder geschicktes Krisenmanagement? Einzig Torhüter Andi Messner und seine Abwehrleute verhinderten dabei Schlimmeres. 

Bitter zudem: Der Club muss weiterhin auf Jan Riedel verzichten, den Neuzugang der Saison und Spielmacher im offensiven Mittelfeld. Offiziell noch nicht wiederhergestellt, inoffiziell unauffindbar: Kein Gast beim Training, keine Präsenz auf der Bank, keine medizinischen Bulletins. Weder Verein noch Berater geben Auskunft. Die Gerüchteküche brodelt. Von Burnout bis Transferstreik ist alles im Umlauf. Die Fans rätseln. Das Team leidet. 

Und heute heißt es wieder: Zittern mit dem Club. Gegen einen HSV in Form droht mehr als nur ein Rückschlag – es droht der Absturz in die Mittelmäßigkeit. Was für eine Entwicklung für einen Verein, der zum Saisonbeginn noch als einer der großen Favoriten galt! Anpfiff ist um 15:30 Uhr. Bleibt zu hoffen, dass wenigstens die Tribünen in Stimmung sind.

Hillmann kannte die Nummer. Endlich kam der Rückruf. 

„Guten Tag, Hotel Marino, Viola Ferrari. Herr Hillmann?“

„Ja.“

„Sie haben gestern bei uns angerufen wegen Herrn Müller, Andreas Müller. Richtig?“

„Kann ich ihn sprechen?“

„Leider nein …“

„Was soll das? Warum nicht?“ 

„Eigentlich darf ich Ihnen das nicht sagen, aber Herr Müller ist nicht mehr hier.“ 

„Nicht mehr? Seit wann?“, schoss es aus ihm heraus. 

„Weiß ich nicht.“

Das konnte nicht sein.

„Und wo ist er hingegangen?“

„Sind Sie ein Verwandter?“

„Nein“, sagte er vorsichtig. „Es ist geschäftlich.“

„Schade.“ Es lag eine Art Enttäuschung in ihrer Stimme.

„Weshalb?“

Am anderen Ende blieb es kurz still.

„Ich darf Ihnen dann keine weiteren Auskünfte geben.“

„Ist ihm etwas zugestoßen?“, fragte Hillmann. Und merkte, wie eine plötzliche Unruhe in ihm hochkam.

„Das nicht.“

„Also ist er wohlauf?“ 

„Keine Ahnung.“

Sie war verdammt kurz angebunden. Warum hatte sie ihn überhaupt zurückgerufen, wenn sie doch nichts sagen wollte?

„Bitte, können Sie mir zumindest Bescheid geben, wenn er wieder auftaucht? Es ist wichtig.“

„Das glaube ich nicht. Ich meine, ich glaube nicht, dass er wieder auftaucht. Aber natürlich, wenn er doch zurückkommt, sagen wir Ihnen Bescheid.“

Er ließ das Handy langsam sinken. „Ich glaube nicht, dass er wieder auftaucht.“ Der Satz war wie eine geschlossene Tür. Hillmann starrte durch das dunkel getönte Fensterglas, sein Gesicht kühl, angespannt. 

Hinter ihm ein leises Geräusch – Krallen auf Parkett.

Shiva.

Sie schlich ins Wohnzimmer, streifte an der Glasvitrine vorbei, als wüsste sie genau, wie kostbar sie selbst war. Zwölftausend Euro. Importiert über Umwege. Schwarz. Nicht angemeldet. Hillmann hatte sich damals über Wochen in Savannahs hineingelesen, wie in ein Investment: genetische Linien, Verhaltensprofile, Futterrhythmus. Sie war die Schönste, die sie ihm angeboten hatten.

Sie lebte bei ihm nicht frei. Nicht draußen. Nicht einmal auf der Dachterrasse. Weil das Risiko nicht kalkulierbar war. Weil draußen Gefahren lauerten – Menschen, Straßen, Krankheiten. Weil man nicht zwölftausend Euro investierte, um dann loszulassen. Hillmann setzte sich auf das Sofa und Shiva sprang elegant neben ihn, ohne ihn anzusehen. Sie war immer in seiner Nähe, aber nie bei ihm. Kein Bedürfnis, zu gefallen. Er akzeptierte das. Der Preis der Schönheit.

Jan hatte sich erneut die Freiheit genommen, einfach zu verschwinden. Und das, obwohl sie ihm alles weggenommen hatten. Jan besaß rein gar nichts mehr. Spätestens jetzt hätte er merken müssen, dass da draußen nicht sein Leben war. Und dass es nur noch einen Weg gab: sich bei ihm zu melden, um Hilfe zu bitten, zurückzukommen. 

Plötzlich wurde es Hillmann flau. Konnte es tatsächlich sein, dass sein Plan fehlgeschlagen war?

Shiva richtete ihren Schwanz langsam auf wie eine beschwörte Schlange. Aber sie selbst war die Beschwörerin, die Augen halb geschlossen, halb wachsam.

Er nahm sein Handy wieder auf, suchte Dimitris Nummer, wählte. Er ging nicht ran. 

Hillmann stand ruckartig auf, schritt zur Minibar. 

Ein Glas. Eis. Gin. 

„Er kommt zurück“, sagte er halblaut. „Er kann da draußen nicht überleben.“


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