Sehnsucht Lago – Folge 29
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Mit viel Geduld bekam er Emilia aus dem Bett und steckte sie in Jacke und Schuhe. Sie war völlig erschöpft, sagte wirre Dinge und wollte nur wieder einschlafen. Als er sie schließlich aus dem Haus trug, war es später als geplant. Die leere Gasse wirkte im bleichen Licht des frühen Morgens noch verlassener. Er sog die feuchtkühle Luft ein. Sein Atem bildete eine Rauchwolke. Irgendwo piepste zaghaft ein Vogel. Die ganze Situation wirkte irreal. Jeden Moment erwartete er, aus einem schlechten Traum aufzuwachen. Aber nach ein paar Schritten wurde ihm klar, dass es die Wirklichkeit war.
Emilia hing halbwach an seinem Rücken, hielt sich mit den Armen kraftlos an seinen Schultern. Die unregelmäßigen Stufen der langen Treppe waren nass und glitschig. Er kniff die Augen zusammen, suchte eine sichere Stelle für den nächsten Schritt. Gleichzeitig gab er auf ihren lockeren Griff acht, dem er nicht traute, und zog ihre Arme in die richtige Position. Er sprach mit ihr, um sie wach zu halten, versicherte ihr, dass sie es bald geschafft hätten. Ihre einsilbigen Antworten kamen schwach. Nach der Brücke schritt er schneller aus. Sie erreichten die Stelle, wo er vor Tagen aus Ricardos Pritschenwagen gestiegen war. Am Rand des Fahrwegs entdeckte er die Vespa: hellblau.
Emilia konnte kaum stehen und stützte sich an Jan ab. An ihrem Schlüsselbund fand er den passenden Schlüssel, entsperrte das Lenkradschloss, zog die Bremse, drückte den Anlasser. Das hatte er vor Jahren so oft gemacht, dass er nicht nachzudenken brauchte. Sein Roller war schwarz gewesen.
Der Motor sprang mit dem typischen Plärren an. Unter der Sitzbank war der Helm verstaut, den er ihr aufsetzte und festzurrte. Die Richtung war leicht zu finden. Er brauchte nur dem Flüsschen Cannobina zu folgen – immer abwärts dem Lago entgegen. Der kühle Fahrtwind ließ seine Augen tränen. Hie und da blitzten weit oben die ersten Sonnenstrahlen durch das zarte Frühlingslaub. Er fuhr vorsichtig, nahm die Kurven sachte. Emilia hatte nur wenig Kraft, sich an ihm festzuhalten. Wenn er nicht beide Hände am Lenker brauchte, fasste er einen ihrer Arme.
Als Cannobio in Sicht kam mit seinen dicht gedrängten Häusern und dem See, übergossen vom goldenen Licht des frühen Morgens, und die Kirchturmglocke die Stunde schlug, fühlte sich Jan, als wäre er sehr lange Zeit fortgewesen. Es waren nur ein paar Tage in Montefiori, doch die Zivilisation befremdete ihn.
Er kannte dieses Gefühl. Damals, als er vom Internat zum ersten Mal nach Hause gekommen war. Seine Mutter holte ihn vom Bahnhof ab. Obwohl sie lächelte, war ihr Gesicht ihm fremd erschienen. Ihre Umarmung erwiderte er nur flüchtig. Und während der Autofahrt verbarg er seine Tränen. Seine Traurigkeit hatte es da bereits gewusst: Nichts würde wieder so sein wie vorher.
Er bog in die Hauptstraße ein, auf der bereits der Autoverkehr pulsierte. Eine Passantin wies ihm den Weg zum Doktor. Er fand das bezeichnete Haus, doch die Praxis war geschlossen. Laut Schild öffnete sie erst nachmittags. Jan half Emilia von der Vespa und setzte sie vor den Eingang. Dann hämmerte er mit den Fäusten an die Tür. Nach einer Weile schimpfte eine Frau aus einem Fenster in der oberen Etage, er solle nicht so einen Lärm machen und verschwinden. Jan schrie in einem Gemisch aus Deutsch und holprigen Italienisch, dass es ein Notfall wäre und Emilia sofort einen Arzt benötigte. Kurz darauf drehte sich ein Schlüssel in der Haustür und der Doktor erschien im Morgenmantel. Gemeinsam brachten sie Emilia in den Behandlungsraum.
Während Emilia untersucht wurde, stand Jan neben der Liege. Sie lag leblos mit geschlossenen Augen da, in eine Art Dämmerschlaf gefallen. Er berichtete vom Blitzschlag und Emilias Symptomen. Dabei zog Dottore Mancini die Augenbrauen immer weiter in die Höhe. Er machte Notizen. Nahm Emilias Daten auf. Jan trommelte mit den Fingern auf den Oberschenkeln. Warum sagte er nichts?
Dottore Mancini nahm seine Brille ab.
Sie müsse ins Krankenhaus. Hier könne er sie nicht ausreichend untersuchen und überwachen. Der Dottore sprach weiter, von möglichen Nervenschäden, Herzproblemen. Manche Folgen könnten sich erst später bemerkbar machen.
Jan schwirrte der Kopf.
Ob er Emilias Familie benachrichtigen sollte? Jan nickte abwesend.
Der Rettungswagen brauchte unendlich lange. Die Sanitäter schnallten Emilia routiniert auf die Trage und brachten sie aus der Praxis. Sie war immer noch nicht ansprechbar. Jan folgte ihnen. Plötzlich hielt ein Wagen mit quietschenden Reifen. Heraus stürzten ein Mann und eine Frau.
Eindeutig Emilias Eltern.
Die Mutter hatte ähnliche Gesichtszüge, den olivfarbenen Teint und schwarze Locken wie Emilia. Als sie Emilia so reglos liegen sah, begann sie zu schluchzen und streichelte ihr über den Kopf. Der Vater sprach gestikulierend mit dem Dottore.
Jan stand abseits.
Die Sanitäter warteten kurz, dann verfrachteten sie die Trage in den Rettungswagen. Einer legte die Infusion, der andere schloss die Hecktür. Die Mutter stand wie eingefroren da, eine Hand auf den Mund, die Augen tränennass. Bald darauf jagte die Ambulanz mit Blaulicht und Horn davon. Emilias Eltern folgten.
Jan spürte, wie das Adrenalin nachließ. Die Anstrengungen und Aufregungen der vergangenen vierundzwanzig Stunden forderten Tribut. Die Müdigkeit war anders als nach einem schweren Fußballspiel, er hätte sofort schlafen können, wenn er einen Ort dafür gehabt hätte. Dann fielen ihm die Ziegen ein.
Er startete die Vespa.
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