Sehnsucht Lago – Folge 28
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Tag 6
Sonntag
Er wusste nicht, wie lange er geschlafen hatte. Emilia wälzte sich hin und her. Er spürte die Hitze, die von ihr ausging. Er sprach sie an, aber sie antwortete nicht.
Also doch. Der Blitzschlag. Am Abend hatte Emilia die Finger immer wieder an die Schläfe gelegt. Vom Essen hatte sie kaum etwas genommen. Er hätte das ernster nehmen sollen.
Er rollte sich aus dem Bett und tastete nach den Streichhölzern und der Lampe. Die Wanduhr zeigte ein paar Minuten nach drei Uhr. Er beugte sich über Emilia und rüttelte an ihrer Schulter. Doch sie nahm ihn nicht wahr.
Er zwang die aufkeimende Panik zurück und versuchte sich zu erinnern, was seine Mutter getan hatte, wenn er als kleines Kind Fieber hatte. Nasse Tücher um die Waden. So kalt, dass er zusammengezuckt war. Nach einer Weile hatte sie die aufgewärmten abgenommen und sie durch neue ersetzt, die wieder so eisig waren. Es war ewig her, wie in einem anderen Leben.
Am Herd hing ein Geschirrtuch. Im Schrank fand er noch weitere. Er holte in einem Eimer Wasser vom Brunnen. Dann schlug er die Bettdecke beiseite und schob die Hosenbeine von Emilias Schlafanzug nach oben. Ihr heftiges Stöhnen ließ ihn zusammenfahren. Als er um jede Wade ein nasses Tuch wickelte, merkte er, dass seine Hände zitterten.
Emilia reagierte nach wie vor nicht auf seine Worte. Jan zündete Kerzen an und verteilte sie im Raum. Er wusste selbst nicht warum. Vielleicht weil er hoffte, die Lichter würden helfen, das Fieber zu vertreiben. „Du wirst wieder gesund“, sagte er wieder und wieder, wie um Emilia zu ermutigen. Und auch sich.
Emilias Rucksack hing an der Wand. Dass er nicht früher daran gedacht hatte! Obwohl es ihm widerstrebte, wühlte er sich durch die Kleidungsstücke, fand einen Schlüsselbund, ein Mäppchen mit Ausweispapieren, etwas Geld, schließlich das, was er gesucht hatte: Emilias Handy. Er drückte den Einschaltknopf – kein Empfang, die Akkuanzeige blinkte rot. Er lief hinaus, die Gasse entlang, hielt das Handy in die Höhe, suchte nach einem Balken. Nichts. Dann erlosch das Display. Er fluchte.
Wieder drinnen hielt er ihren Ausweis ins Licht: Emilia Sophia D’Angelo, 168 cm, Augenfarbe braun, geboren in Hildesheim, Niedersachsen, wohnhaft in Cannobio, Piemont. Am siebzehnten Januar war sie neunzehn Jahre alt geworden.
Die ersten Tücher hatten ihre Kälte ausgeatmet. Er wechselte sie aus, ertastete Emilias rasenden Puls, wischte den Schweiß von ihrer Stirn. Er lief im Raum auf und ab. Warum nur hatte er der Wanderung zugestimmt?
Er sah abwechselnd auf Emilia und auf die Uhr, bis es wieder soweit war, die Tücher auszutauschen. Öfter als nötig ging er zum Brunnen, wusch Tücher, füllte frisches Wasser in den Eimer. Er hielt sich beschäftigt. Denn er spürte ihn – den unsichtbaren Gegner, der immer noch nicht aufgegeben hatte.
Zwei unendliche Stunden waren vergangen, als er erleichtert feststellte, dass das Fieber nachließ. Emilia atmete gleichmäßig und schlief. Vorsichtig wechselte er ihr durchschwitztes T-Shirt gegen ein neues. Ihr Herz schlug weiterhin schnell – viel zu schnell. Sie brauchte einen Arzt. Doch der Fußweg durch die Schlucht war im Dunkeln zu gefährlich, zumal er sie wohl tragen musste. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als auf die Morgendämmerung zu warten.
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