Sehnsucht Lago – Folge 27

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Am späten Nachmittag trafen sie im Dorf ein. Der Himmel hatte aufgeklart, die feuchten Wiesen glitzerten in der Sonne, und vereinzelt schwebten Nebelschwaden durch die Baumwipfel. 

Emilia hatte sich nicht helfen lassen und war selbst geklettert und gelaufen. Zweimal blieb sie unvermittelt stehen, als müsse sie sich erinnern, wohin sie wollte.

Jetzt wartete Jan vor dem Haus auf Handtücher und frische Kleidung. Aus seiner durchnässten Jacke zog er den aufgeweichten Lago-Artikel hervor, der dabei in einzelne Schnipsel zerriss. Jan stockte kurz und warf sie dann einfach weg. 

Emilia kam zurück, ein Tuch um den Kopf gewickelt und bereits umgezogen. 

„Du musst besser auf deine Sachen aufpassen. Das ist im wahrsten Sinn Ricardos letztes Hemd.“ 

Sie legte eine Hose und ein Hemd neben den Brunnen und hielt Jan eine Flasche unter die Nase. 

„Ricardos Schnaps. Grässlich, aber gerade recht zum Desinfizieren deiner Abschürfungen.“

Sie träufelte den klaren Inhalt über die Wunden. Jan biss die Zähne zusammen und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Verstohlen beobachtete sie seine Reaktion.

„Du hattest großes Glück“, sagte er, um abzulenken.

„Mit dem Blitz? Das war kein Glück, das war ein Wunder.“

„Was ist der Unterschied?“

„Nur wer an Wunder glaubt, wird ein Wunder erleben. Ich glaube daran. Und was war es bei deinem Absturz – Glück oder Wunder?“

„Keine Ahnung.“

„Du wirst es noch herausfinden.“

Er suchte ihren Blick.

„Mit einem Blitzschlag ist nicht zu spaßen. Du musst dich von einem Arzt untersuchen lassen.“ 

„Wegen eines Wunders?“ 

Plötzlich verdrehte sie die Augen und schwankte. Er wollte sie auffangen, aber sie trat einen Schritt zur Seite. Und lachte ihn aus. 

Der Tag verabschiedete sich mit einem tiefen Orangerot. Alles Donnern und Tosen war vergessen. Die Natur spielte den nächsten Akt und ließ die Bergspitzen lodern wie gewaltige Feuerzungen.

Voller Stolz trug Jan die Milch durch den Ort. Ein heimeliges Licht fiel aus den Fenstern ihres Hauses in die steindunkle Gasse. Im Türrahmen blieb er gebannt stehen. Die Stube glänzte von unzähligen Kerzenflammen und von den Lichtpunkten, die die metallenen Gegenstände an Wände und Gebälk spiegelten. Der Tisch war mit einem weißen Tuch gedeckt und im Herd knisterte das Feuer.

„Du kommst genau richtig. Wie hat das Melken geklappt?“ Emilia trat aus dem hinteren Teil des Raumes. Ihr Gesicht strahlte unter den schwarzen Locken hervor. 

Sprachlos hob er den Milcheimer etwas in die Höhe.

„Gefällt es dir?“, fragte sie.

„Gibt es etwas zu feiern?“

„Richtig! Was wohl?“

Ihre Grübchen zeigten beste Stimmung.

„Wir haben das Unwetter überlebt?“

„Nein, wir haben nicht überlebt. Wir feiern das neue Leben, das uns geschenkt wurde.“ 

Sie griff seine Hände und tanzte mit ihm um den Herd, bis sie prustend auf die Stühle fielen. Emilia holte den Topf mit dampfender Pasta zum Tisch und schöpfte in beide Teller.

„Was wirst du mit deinem neuen Leben anfangen, Jan Riedel?“, fragte Emilia beim Essen, während sie ihn über ihre Gabel hinweg erwartungsvoll betrachtete. 

Entschuldigend hob er die Hände. Immer hatten andere für ihn entschieden. Und jetzt, da er selbst gefragt war, hatte er keine Ahnung, was er wollte. 

„Und du?“, lenkte er ab.

„Ich werde es verschwenden. Wie bisher auch.“

Er konnte an ihrem Gesichtsausdruck nicht erkennen, ob sie ihn auf den Arm nahm. 

„Was meinst du damit?“

„Ich liebe meine Familie. Und das sind nicht wenige: meine Eltern, meine Brüder, Ricardo, die Tanten und Onkel, Cousins, Cousinen und noch einige mehr. Ohne sie kann ich mir nicht vorstellen zu leben. Auch wenn es manchmal … herausfordernd ist. Sie sind mein Zuhause. Also werde ich mein neues Leben verschwenden wie bisher: an die, die ich liebe.“

Jan nestelte am Hemdkragen. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Für Emilia schien alles so klar. Er dagegen kam sich so einfältig und belanglos vor. 

Da sprang sie auf und erhob das Glas. „Stoßen wir an auf unsere neuen Leben. Was immer kommen mag!“

„Was immer kommen mag“, wiederholte er unschlüssig. 

Er lag schon eine Weile auf der Holzbank. Die Schürfwunden brannten, und bei jeder Bewegung tat ihm etwas anderes weh. Aber nicht deshalb war er wach. Die Erlebnisse des Tages brausten in ihm durcheinander wie ein eigenes Unwetter: ihre Gespräche, die Alpe, das Gewitter, sein Absturz, Emilia, der Blitzschlag. Sie hatten überlebt. Glück? Ein Wunder? Keine Ahnung.

Emilia wusste wenigstens, wo sie hingehörte und wohin sie zurückwollte. Zu ihrer Familie. In ihr normales Leben. Nach Hause.

Für ihn war Zuhause nie mehr gewesen als eine Adresse. Sein Vater hatte sich aus dem Staub gemacht, von einem Tag auf den anderen. Dann das Sportinternat. Seine Mutter lebte irgendwann mit einem anderen Mann zusammen, und sie hatten immer seltener miteinander geredet. Danach gab es eigentlich nur noch den Fußball. Training, Spiele, Hotels, Mannschaftsbusse. Auch wenn sie sich auf dem Platz anschrien und umarmten wie Brüder, war am Ende jeder für sich. Einer wechselte den Verein, ein anderer fiel wegen einer Verletzung aus, und schon war alles anders.

Von früher kannte er noch ein paar Leute. Viel zu sagen hatten sie sich nicht mehr. Meistens wollten sie Eintrittskarten. Oder sie gingen mit ihm aus und ließen ihn die Rechnung übernehmen. Bei den Frauen war es auch nicht anders. Sie wollten den Fußballer. Den Promi. Den Typen mit Geld, den man herumzeigen konnte. Aber wer wollte schon einfach nur ihn?

Jan starrte in die Dunkelheit. Wenn ihm heute tatsächlich ein neues Leben geschenkt worden war – was sollte er damit anfangen? Einfach mit dem alten weitermachen?

„Jan, bist du noch wach?“

„Mmmh“

„Ich kann nicht einschlafen.“

Als Jan nicht reagierte, flüsterte sie: „Legst du dich zu mir? Ohne Hintergedanken.“

Hintergedanken? Bei Emilia? Daran hatte er keine Sekunde gedacht. Sie war für ihn – ja was eigentlich? Er wusste es nicht.

Das Bett war warm und weich. Emilia schmiegte sich an ihn. Sie zitterte leicht.

„Was …“

„Sag nichts.“ 

Ihre Stimme klang sanft. 

Er spürte die Linien ihres Körpers, roch ihr Haar, hörte ihren gleichmäßigen Atem. Dass sie hier zusammenlagen, in dieser primitiven Behausung, in einem von der Welt vergessenen Dorf, mitten in den Bergen. Kaum fassbar. Und doch schön. Ganz normal. 

Normal? Vielleicht hatte ihm das gefehlt. Behutsam legte er seinen Arm um sie und merkte, wie er in den Schlaf hinüberglitt.


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