Sehnsucht Lago – Folge 30
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Hillmann saß am Küchentisch, der Laptop war zugeklappt, das Handy stumm daneben. Shiva hatte sich auf dem Fensterbrett zusammengerollt, die Augen fast geschlossen, der Schwanz zuckte kaum merklich, wenn draußen ein Vogel vorbeiflog. Im trüben Licht des Vormittags wirkten die Nachbarhäuser ausgebleicht wie auf einem alten Fujifilm.
Seit Tagen ging er dem Gespräch aus dem Weg. Schulz hatte angerufen, ihm Textnachrichten geschickt, Sprachnachrichten, sogar einmal versucht, über die Agentur durchzukommen. Hillmann hatte ihn ignoriert oder schnell abgewimmelt – Besprechung, anderer Anruf, schlechter Empfang.
Doch jetzt ging es nicht mehr. Nicht nach dieser letzten Nachricht: „Ich werde selbst aktiv werden.“
Er griff zum Handy, tippte auf Schulz’ Nummer. Es dauerte keine drei Sekunden.
„Na endlich“, schnarrte es am anderen Ende. „Ich dachte schon, du bist jetzt auch untergetaucht.“
„Schön, deine Stimme zu hören, Dietmar.“
„Lass den Quatsch. Seit Tagen halte ich Presse und Aufsichtsrat hin. Irgendwann nimmt mir keiner mehr ein Wort ab. Wo ist er? Ich will mit ihm sprechen.“
Hillmann starrte an die Decke. Wenn er jetzt bekannte, dass er es selbst nicht wusste … unmöglich.
„Alles unter Kontrolle“, sagte er schließlich. „Er ist noch nicht so weit.“
Schulz’ Stimme explodierte: „Es reicht! Ich hab genug von deiner Hinhaltetaktik! Gestern gegen den HSV schon wieder so eine Scheiße. Und überall dieselbe Frage: Wo bleibt Jan Riedel? Und was soll ich antworten? Gar nichts – weil du mich im Dunkeln lässt! Riedel ist nicht dein Privatvergnügen. Er steht unter Vertrag, verdammt noch mal.“
Shiva sprang geräuschlos vom Fensterbrett, streckte sich und rieb sich an Hillmanns Beinen. Er zwang sich, einen zuversichtlichen Ton anzuschlagen.
„Dietmar, ich hab das im Griff. Keiner von uns will, dass die Sache jetzt eskaliert. Ich versichere dir, er steht diese Woche wieder auf dem Platz.“
„Ich brauch ihn. Sofort!“
Es blieb eine Weile still.
„Ich geb dir Zeit bis Mittwoch. Danach ist die Sache nicht mehr deine.“
„Ist angekommen.“
Hillmann legte das Handy ab, als wäre es plötzlich zu heiß.
Shiva sprang auf seinen Schoß, ließ sich nieder. Er kraulte sie gedankenverloren hinter den Ohren.
Mittwoch. Drei Tage.
Und keine verdammte Ahnung, wo Jan war.
Von weitem schon hörte Jan das Jammern der Ziegen. Ihre gewohnte Zeit war lange verstrichen. Er machte sich gleich ans Melken, das ihm fast wie selbstverständlich von der Hand ging. Dann entließ er sie auf die Weide und legte sich am Rand ins Gras. Er sah den Tieren eine Weile zu, wie sie herumsprangen und von den Gräsern knabberten, atmete die klare Luft ein und dachte an nichts.
Über den meerblauen Himmel zogen originelle Watteschiffe.
Eine seltsame Berührung weckte ihn. Er sah, wie eine Ziege an seinen Abschürfungen leckte, und zuckte zurück. Sie wirkte genauso erschreckt, machte einen Satz und hüpfte hinüber zu ihren Artgenossen. Die Sonne war schon weit über den Zenit hinausgewandert. Er fühlte sich erholt – und hungrig.
Im Haus empfingen ihn dunkle Erinnerungen an die vergangene Nacht. Bangen. Fieberringen. Ungewissheit. Er riss die Fenster auf, wie um die Dämonen zu vertreiben. Dann verschlang er ein Stück Käse, trank den halben Wasserkrug in einem Zug leer, entdeckte noch den kalten Rest der Pasta von gestern Abend.
Gestern Abend.
Emilia tanzt mit ihm ausgelassen um den Herd. Ihre offenen Haare kitzeln an seinen Wangen. Die Kerzenlichter drehen sich mit. Die armselige Bauernstube wird zum Tanzsaal. Emilia – die lebendige Freude.
Dann sah er Emilia wieder vor sich, in der Fiebernacht, die geschlossenen Augen im leblosen Gesicht, spürte, wie er ihren schwachen Körper in den Armen hielt, wie er ihren Puls suchte … Sie musste wieder gesund werden! Er blickte in den Spiegel neben der Tür. Das Bild riss ihn aus seinen Visionen: Dreitagebart, Augenränder, schweiß-verklebte Haare.
Und er stank.
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