Sehnsucht Lago – Folge 31

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Obwohl Jan das eiskalte Brunnenwasser liebte, blieb der erste Kontakt wieder eine Herausforderung. Mit dem Seifenstück wusch er sich und dann auch die Kleidungsstücke, so wie er es bei Emilia gesehen hatte. Dank ihr hing eine Garnitur bereits sauber und trocken an der Leine. Die nahm er. Dann streckte er sich auf die Bank vor dem Haus und ließ sich von der Abendsonne wärmen, die zwischen den Hausdächern hereinschien. Der Brunnen plätscherte, ein paar Vögel pfiffen, sonst war es still. Noch vor ein paar Tagen hatte ihn das beklommen gemacht. Jetzt flog sein Inneres unbekümmert in die Stille hinaus und zauberte ihm ein entspanntes Lächeln ins Gesicht.

„Was du lache?“

Jan schreckte auf. Ricardo war zurück. Er hatte ihn nicht kommen hören. Ein dickes Pflaster klebte auf seiner Stirn.

„Ciao, amico!“ Ricardo musterte ihn argwöhnisch. „Du haste gleiche Hemd wie ich.“

Jan nahm ihm den prall gefüllten Rucksack ab.

„Wie geht es dir?“

„Bene, bene. Ich noch solle lebe. Aber hatte geglaubt, du biste weg.“

Während sie zu den Ziegen gingen, berichtete Ricardo von seinem Autounfall. Es waren defekte Bremsen gewesen – ironischerweise auf dem Weg zur Werkstatt. Er hatte etwas geahnt und war deshalb vorsichtig gefahren. Und das war sein Glück gewesen.

Sein Wunder, ergänzte Jan für sich, so würde es Emilia nennen.

Als er seine Melkkünste vorführte, klatschte Ricardo vor Freude in die Hände. 

„Und was du habe gemacht sonste?“ 

„Ich habe Emilia kennengelernt.“

„Si, Emilia. Una ragazza straordinaria, wie sage?“

„Ein besonderes Mädchen“, übersetzte Jan. 

„Hatte dir geholfe mit Ziege?“ 

Jan schmunzelte, aber das Schmunzeln fiel augenblicklich in sich zusammen. „Du weißt gar nicht Bescheid?“ 

Ricardo sah ihn fragend an.

„Sie ist im Krankenhaus.“

„Ospedale“, murmelte Ricardo mit weiten Augen.

Jan berichtete von der Wanderung, dem Blitzschlag, dem hohen Fieber. Ricardo hörte schweigend zu und seine sonst so lustigen Augen füllten sich mit Tränen. 

„Povera ragazza, che Dio abbia pietà“, hauchte er mit rauher Stimme. Dann nahm er Jans Hände in seine warmen, faltigen. 

„Biste gute Mensch, Jan. Grazie mille.“ 

Er sah Jan lange ernsthaft an. 

„Du haste Probleme.“ 

Jan zog seine Hände zurück. „Wie kommst du darauf?“ 

„Bine alt, aber nicht dumm.“

Jan wurde unbehaglich. 

„Nicht biste in Urlaub. Biste abgehauen?“ 

Er machte eine wegwerfende Handbewegung. 

„Mir egal.“

Jan kniff die Augen zusammen. „Woher weißt du das?“

Ricardo bewegte vielsagend den Kopf. 

„Allora. Brauche Richtung, sonste verirre. Auch ine Lebe.“

„Richtung? Das ist leicht gesagt.“

„Iste hier.“ Und er deutete auf sein Herz.

Danach sagte Ricardo nicht mehr viel. Seine Gedanken schienen weit fort zu sein, weit in der Vergangenheit. Wortlos aßen sie das Abendessen – Speck, Ziegenkäse, Tomaten, frisches Brot. 

Es war alles gesagt.

Die Nadel senkte sich sanft knisternd auf das schwarze Vinyl. Eine erste Violine tastete sich scheu in den Raum, vereinte sich zart mit einer zweiten, dritten. Dann öffnete sich der Klang wie ein Vorhang – gab Konturen, Bewegungen frei, mit jener Wärme, die nur eine analoge Schallplatte hervorbringt.

Hillmann saß tief in die Ledercouch gelehnt, ein Glas alter Bordeaux in der einen Hand, die andere locker auf der Lehne abgelegt. Zentral gegenüber die Stereoanlage. Die Röhren des Verstärkers glommen in dunklem Orange neben mattem Chrom, braunen Holz und Vintage-Understatement. Die zwei imposanten Lautsprechersäulen in Kirschbaum links und rechts daneben.

Er schloss die Augen, folgte den Waldhörnern in eine unkenntliche Tiefe, dann der verspielten Piccoloflöte zurück in den flauschigen Streicherteppich, überließ sich ganz dieser geordneten Struktur im Unsichtbaren.

Das Handy schreckte ihn hoch. Verärgert ging er ran.

„Hallo, Lars. Was gibt’s?“

„Wie hat dir mein Artikel gefallen?“

Hillmann brauchte einen Augenblick. 

„Ach, ja. Der Artikel …“ 

Es war erst ein paar Tage her, doch das Interesse an dem Thema „Trennung des Traumpaars Jan und Lejla“ war in der medialen Öffentlichkeit bereits wieder verdrängt worden – von neuen Meldungen, anderen Geschichten. Und so auch bei ihm.

„Fandest du ihn nicht gut?“

„Den letzten Satz hättest du dir sparen können.“

„Da gehen die Meinungen auseinander. Das meiste war doch in deinem Sinne, oder? Und da wären wir schon am Punkt. Du kennst das ja: eine Hand wäscht die andere …“

„Was willst du?“ 

Hillmann war genervt.

„Es gibt so viele Gerüchte. Und ehrlich gesagt, glaube ich langsam auch, dass etwas ganz und gar nicht stimmt.“

„Du sprichst in Rätseln.“

„Jan Riedel ist unauffindbar. Das ist ein Rätsel.“

„Jan muss sich richtig auskurieren. In Ruhe. Ohne Presserummel.“

„Martin, wegen einer offiziellen Verlautbarung rufe ich dich nicht an. Was ist wirklich los? Wo ist Riedel?“

Schreiner war eine Klette.

Aber wieso eigentlich nicht? Jan war jetzt definitiv verschwunden. Selbst Dimitri konnte nichts mehr in Erfahrung bringen. Sollte Schreiner es doch versuchen und ebenfalls in einer Sackgasse landen. So war er fürs Erste beschäftigt. Und sie waren quitt. Hillmann schmunzelte sauer in sich hinein. 

„Martin …?“

„Er erholt sich für ein paar Tage. Am Lago Maggiore.“

„Wirklich schöne Region. Und wo genau?“


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