Sehnsucht Lago – Folge 32

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Tag 7
Montag

Am Himmel vertrieb der Tag die Nacht. Einzelne Vögel übten zaghaft ihr Morgenlied und der Brunnen plätscherte vor sich hin. Jan war sehr früh aufgewacht. Um Ricardo nicht zu wecken, zog er sich draußen fröstelnd an, wusch sich die Müdigkeit aus dem Gesicht und lief ein Stück durch den noch schläfrigen Ort. Schließlich kam er zurück ins Haus.

„Buongiorno“, begrüßte Ricardo ihn gutgelaunt, während er den Herd befeuerte.

„Ich möchte Emilia besuchen, nachsehen wie es ihr geht.“ 

Ricardo hielt inne und schmunzelte ihn vielsagend an. „Bene.“

„Du hast es gewusst?“ 

Ricardo drehte die Handflächen nach oben, als wollte er sagen, wer weiß. 

Nach dem Kaffee verabschiedeten sie sich. Ricardo schaute ihm nach, als er die Gasse hinunterlief. 

„Richte Grüße aus. Und bringe zuruck meine Kleider, nicht vergesse“, rief er Jan hinterher.

Jan stellte die Vespa an Cannobios Uferpromenade ab. Von Norden trieb ein kalter Wind Wolken herein. Der Lago kräuselte sich, als würde er frieren. Er konnte sich kaum noch an das Restaurant erinnern, in dem er am ersten Abend die Pizza geholt hatte – das Restaurant von Emilias Eltern. In der Bar erkundigte er sich danach. „Si, si, la Casa Mia di Luciano D’Angelo, nicht weit entfernt.“ Der Kellner wies ihm den Weg.

Der Eingang vom Casa Mia war verschlossen. Eine schmale Gasse führte auf die Rückseite des alterskrummen Hauses. Die Hintertür schien Mitarbeitern, Lieferanten und Hausbewohnern gleichermaßen zu dienen. Jan zögerte. Schließlich klingelte er. Drinnen rief eine Stimme. Dann wurde schwungvoll geöffnet.

Emilias Mutter. Sie lächelte ihn geschäftsmäßig an wie einen, der das Gemüse lieferte oder eine Spende erbat. Das Lächeln gefror ihr. Sie blinzelte, riss die Augen auf.

„Du bist Jan?“

Er bejahte und streckte ihr die Hand entgegen.

„Luciano! Luciano, komm schnell!“, rief sie über ihre Schulter ins Treppenhaus.

 Sie ignorierte seine Hand und zog ihn an sich mit einer Kraft, die ihn überraschte.

„Herzlich willkommen, Jan. Willkommen!“

Sie fand kein Ende, ihn zu drücken, zog ihn zu sich herunter und küsste ihn auf die Wangen.

„Das ist genug. Lass ihn doch mal Luft holen.“

Unwillig ließ sie von ihm ab.

„Ich bin Emilias Vater, Luciano.“ Er schüttelte Jan die Hand und sein dicker Schnurrbart zuckte dabei in die Höhe. „Marietta hast du ja schon kennengelernt. Komm rein. Willst du etwas trinken, Kaffee, Wasser?“

Sie führten ihn in die Gaststube, an einen Tisch gleich neben dem Tresen. Marietta bereitete caffè und brachte einen Korb mit cornetti.

„Du hast Emilia das Leben gerettet. Wir möchten dir von Herzen dafür danken, Jan“, begann Luciano.

Ihm war unwohl. Genau deshalb war er nicht hierher gekommen. Jan hob abwehrend die Hände. „Das hätte doch jeder getan.“ Er schüttete das zweite Tütchen Zucker in seine Tasse. 

„Ohne dich wäre sie heute nicht mehr hier. Wir werden dir ewig dankbar sein“, sagte Marietta in einem Tonfall, der keine Widerrede erlaubte.

Er fühlte sich unwohl in dieser Rolle. Hätte er sich nicht auf die Wanderung eingelassen, wären sie nicht in das Gewitter am Berg geraten und sie wären in Sicherheit gewesen. Wie konnte er da als Held gefeiert werden? Ihn interessierte allein eine einzige Frage. 

„Wie geht es ihr?“ 

Die Eltern warfen sich einen Blick zu. Marietta zog ein Taschentuch aus ihrem Kleid und wischte sich die Augen. 

Luciano antwortete. „Emilia kam gestern im Krankenhaus kurz zu sich. Sie war kraftlos und brachte vieles durcheinander. Ihr war stark schwindelig. Die Ärzte sagten, die Heilung bräuchte Zeit. Zur besseren Behandlung wurde sie ins Ospedale Niguarda in Mailand verlegt.“

Marietta hatte sich gefasst und fuhr fort: „Emilia erwähnte immer wieder deinen Namen. Zunächst haben wir überhaupt nicht kapiert, was sie will. Wir hatten ja keine Ahnung, dass du in Montefiori warst. Wieso warst du eigentlich dort?“

„Wie ging das genau vor sich mit dem Blitzschlag?“, überging Luciano die Frage seiner Frau.

Jan war froh, dass er die andere Frage nicht beantworten musste, und lieferte die kürzeste Kurzform. „Wir wanderten zur Sommeralpe und wurden vom Unwetter überrascht.“

„Und du hast nichts abbekommen?“

„Ich war einen Hang hinuntergerutscht. Ich hörte, wie der Blitz in der Nähe einschlug. Als ich wieder oben war, fand ich Emilia.“

Marietta wischte wieder Tränen von den Augen.

„Ich will Emilia besuchen. Wie komme ich nach Mailand?“

„Wir fahren in drei Tagen. Komm doch mit uns.“

„Und du bist selbstverständlich unser Gast“, ergänzte Marietta. „Du kannst in Paolos Bett schlafen, er ist in der Schweiz zur Kochlehre. Hast du kein Gepäck?“ 

Jan hatte mit der Frage gerechnet. „Ich wurde bestohlen. Kleidung, Geld, alles weg. Deshalb trage ich auch die Sachen von Ricardo.“ Er machte ein entschuldigende Handbewegung. 

„Mir kam dein Aufzug gleich so merkwürdig bekannt vor.“ Marietta wirkte, wie wenn sich eine schwierige Frage in Luft aufgelöst hätte.

„Warst du bei der Polizei?“, wollte Luciano wissen.

Jan nickte und versuchte, es möglichst glaubwürdig wirken zu lassen.

„Jetzt ist erstmal neue Kleidung wichtig. Was du anhast, ist zu klein und fällt ja schon auseinander. Offen gesagt, du siehst schrecklich aus. So ein stattlicher junger Mann wie du. Ich weiß genau, wo wir etwas Schönes für dich finden.“ 

Luciano verdrehte die Augen und signalisierte Jan, jetzt bloß nicht zu widersprechen. Marietta war in ihrem Element. 


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